Kapitel 34

Wenn Stahl versagt, dann müssen andere Alternativen her. Aber so schnell entkommt das Hexenbiest Rebecca nicht. Hoffentlich haben sich ihre Bastelarbeiten gemeinsam mit Clive rentiert, denn laut seinem Alchemistenfreund Sergio soll Schießpulver eine gute Lösung für ihr Problem darstellen. Clives Freund hat viel Zeit mit einem Büchsenmeister verbracht, war bei Sprengungen in den Minen oder Felswänden dabei. Alles, was genug Feuerkraft hat, fasziniert den Kerl und so wie Clive erzählte, fürchten die großen Magister darum, dass Sergio, der Schießpulverexperte, oder Magister Edin mit seinen explosiven Flüssigkeiten irgendwann schuld sein werden, wenn der Magisterturm hochgeht und in Einzelteile zerfällt. Ein lustiger Gedanke. Nie hätte Rebecca geglaubt, wie abenteuerlich es bei den Alchemisten zugeht. Die Herstellung dieses Schießpulvers kennt Clive nur deshalb, weil jeder halbherzige Alchemist das Talent hat, gar nicht mehr die Klappe zu halten, wenn es um die Forschung geht. Rebecca kann dies bestätigen, wenn Clive einmal anfängt über seine Arbeit zu reden, ist der Kerl kaum zu bremsen.

 

Aus harmlosen Regen zogen dunkle Wolken herbei. Blitz und Donner verschrecken die Menschen. Die Gewitterfront beschränkt sich auf einen kleinen Radius. Gezielt über den Köpfen der Reisenden. Ohne Zweifel das Werk der Hexe. Luela fordert einen Kampf? Den kann sie haben! Nur unterschätzt sie Clives Reisegefährten. Der Instinkt rät Rebecca davon ab, sich dem Zentrum des Sturms zu nähern. Die Energie in der Wolkendichte scheint auf Luelas Anwesenheit und nach ihrem Willen zu reagieren. Wie ein Blatt im Herbst segelt die gewaltige Gewitterfront hinab zu Boden. Gefährlich nah über ihre Köpfen. Der Himmel droht sie zu erschlagen. Dabei dient der Trick der Tarnung. In Dunkelheit versteckt und von kriechenden Wolken geschützt wirkt Luela unerreichbar, daher konzentriert sich Rebecca auf ihre Sinne. Sie blendet das Geschrei der Bauern aus. Sowie die vielen Türen, die um sie herum geschlossen werden. Die Hexe fühlt sich sicher in der blitzenden Rauchwolke, dabei hört Rebecca ihre Schritte. Laut wie ein Trampel bewegt sich der Feind und das Knistern einer Flamme weckt Rebeccas Aufmerksamkeit. Nahe einer Tür brennt eine Fackel in einer Haltung. Ein oder zwei Sprünge sollten bis dahin reichen. Dann müsse sie nur gezielt und weit genug werfen.



 

Ihr Kindheitsfreund Cuno, der mehr Muskeln wie Verstand besitzt, setzt sich zum Glück nicht in Bewegung. Also bietet sich jetzt ihre Chance. Ein Sprung zur Seite reicht nicht aus, um an die Fackel zu gelangen, also folgt der nächste Sprung. In einer fließenden Bewegung rollt sich Rebecca am Boden ab, greift in ihre Tasche, erfüllt die hölzernen Behälter, die sie zurecht geschnitzt hat und deren Inhalt eine gefährliche Mischung beinhaltet. Mit einer schnellen Wurfbewegung entzündet Rebecca ihre Überraschung dank der Fackel. Kaum das Feuer durchquert saust das längliche Flugobjekt durch die Luft und landet wie ein Pfeil in der gefährlichen Wolke. Zuerst folgt ein Aufglühen, dann der ohrenbetäubende Knall, der durch das Dorf schallt. Der Boden erzittert, das Feuer klettert aus dem gebastelten Behälter und erobert in Sekundenschnelle die gesamte Wolke. Die Hexe schreit fürchterlich, wirkt gefangen in einem Inferno.

 

Clive hatte Rebecca gewarnt und obwohl sie auf Abstand blieb, presst die darauffolgende Druckwelle den Langfinger gegen die Tür eines Hauses. Die Halterung gibt ächzend nach, sodass Rebecca rückwärts in die gute Stube fällt und in die verängstigten Augen eines alten Ehepaars blickt. Das Ergebnis der Bastelaktion stimmt Rebecca freudig. Clives Baukasten überzeugt. Mit einem zufriedenen Grinsen kämpft sie sich hinauf. Noch zittern ihre Beine, fühlen sich schwach und jeder Schritt fällt ihr schwer. An der Türschwelle kommt sie zum Stand und was sie dort sieht, verschlägt ihr die Sprache. Die sprechende Katze gewinnt an Größe, wächst und wächst immer weiter. Bis der Kater schließlich einem Pferd locker auf den Kopf spucken könnte. Die dampfende Hexe verlässt die schwarze Wolke auf wackeligen Beinen. Blutend und von Brandwunden übersät. Ihr Haar steht in Flammen. Eine Seite wurde bis zum Haaransatz versenkt.

 

Ihre Schwäche bleibt dem Paladin nicht verborgen. Cuno eröffnet somit die Jagd auf das Teufelsweib. Er nähert sich ihr mit seiner prächtigen Klinge. Nicht versteckt. Kein Hinterhalt. Sein dummer Stolz als Krieger. Doch damit erfasst Luela ihn. Anders als erwartet steht der Schrecken  ihr ins Gesicht geschrieben. Sie blickt, als würde sie mit ihrem Leben abschließen, doch die Riesenkatze packt die Hexe mit seinen Zähnen und rennt davon.



 

Eine Herausforderung, die Rebecca freudig entgegen nimmt. Ein kleines Wettrennen. Trotz Schwäche dank der Druckwelle. Aber wo bliebe sonst die Herausforderung? Rebecca stürmt los und je länger sie unterwegs ist, umso sicherer wird sie auf ihren Beinen. Doch Cuno hat Glück, er packt genau im richtigen Moment zu und fängt sie ab. Womit er nicht gerechnet hat, ist, dass Rebecca so schnell unterwegs ist und er zu Boden gerissen wird, während sie taumelt und ihr Gleichgewicht ausbalanciert.

 

Sina tritt eilig heran und hilft Cuno auf. Sie betrachtet den Paladin in Sorge, erkundigt sich nach seinem Wohlergehen. Widerlich mütterlich.

Warum fragt sie nicht gleich nach seinen Wehwehchen?

„Idiot! Trottel! Dummkopf! Spatzenhirn!“, beginnt Rebecca mit ihrer Schimpfparade. „Die Hexe ist geschwächt! Ich kann sie töten!“

„Und die Kreatur?“, konfrontiert der Paladin sie erzürnt.

Rebecca betrachtet seinen Einwand spöttisch. „Es ist eine Katze, eine viel zu große Katze! Das kriege ich schon hin!“

„Nein, nicht allein! Lass mich dir helfen! Hau nicht einfach ab und nimm mich stattdessen mit!“

Rebecca verkneift es sich, über ihn zu lachen. Sie kann sich einfach nicht vorstellen, dass eine gemeinsame Teamarbeit gutgeht. Sein kriegerischer Stolz und seine ehrliche Kampftechnik würden ihr eher im Weg stehen.

 

Sina spricht jedoch ein Machtwort: „Schluss jetzt! Clive ist noch am Leben und wir können ihn helfen!“

Rebecca hält ihr nun vor Augen: „Ist die Hexe tot, erwacht er vielleicht.“

Doch Sina überkreuzt grimmig ihre Arme. „Wer garantiert dies?“

„Kannst du ihm nicht helfen mit deiner Magie?“, interessiert es Cuno.

„Nein! Ich wüsste nicht wie!“, antwortet Sina mit schriller Stimme und dreht sich zu Clive.

Rebecca seufzt laut und hat eine Idee: „Etwas abseits des Dorfes ist ein altes Weib, etwas wirr, wenn ihr mich fragt. Führte Selbstgespräche. Zuerst dachte ich, sie hätte einen Dachschaden. Hab mich bei ihr etwas umgesehen, doch dann sah mich dieses schaurige Weib an. Ganz klar, fast weise und irgendetwas sagt mir, sie könnte helfen. Schnapp dir einen Gaul, nimm Clive mit und ich kümmere mich um die Hexe. Brauchst du sie lebend? Ich würde eigentlich kein Risiko eingehen und sie direkt töten.“



Die Informationsflut scheint Sina zu überfordern. Einige Sekunden ist sie wie erstarrt und blinzelt unfähig.

Kaum gefasst, keucht Sina. „Wie bitte?“

Rebecca rollt mit den Augen, tritt gegen einen kleinen Stein und trifft damit einen Zaunpfahl.

„Komm schon! Ich kann sie noch einholen!“

Cuno setzt sich zum Glück in Bewegung, schnappt sich einen fremden Gaul, wo er Clives starren Körper in den Sattel legt.

 

„Rebecca“, ruft Sina und ihr blickt ihr daraufhin in die Augen. „Wohin muss ich?“

Rebecca versucht, sich zu orientieren, dreht sich einmal im Kreis, bis sie den Hühnerstall aus der Ferne wiedererkennt.

„Den Weg entlang, bis aus dem Dorf. Dreiundvierzig Fuß weiter und dann schräg den Hügel hinauf.“

Sina blinzelt verwundert. „Was?“

„Du zählst deine Schritte?“, wundert sich Cuno laut.

„Mann! Die Frau war interessant und ich wollte bei der nochmal vorbeischauen. Natürlich zähle ich die Schritte!“, rechtfertigt sich Rebecca beleidigt.

 

Cuno handelt und drückt Sina das Zaumzeug in die Hand. „Gut. Du hast deine Beschreibung, Sina. Sei vorsichtig. Geh und rede mit der Frau.“

„Du kommst nicht mit?“, erkundigt sich Clives kleine Freundin.

„Nein, ich begleite Rebecca. Kümmere mich um das Katzenvieh und leiste ihr Unterstützung im Kampf gegen die Hexe.“

„Dann komm, du lahme Ente!“, ruft Rebecca und sprintet los.

„Jetzt warte doch!“, hört sie ihren Kindheitsfreund rufen.

Doch nun wird nichts und niemand Rebecca bremsen können, zum Glück ist die Katze schwer und es ist matschig. So hinterlässt Luelas Haustier Spuren, so Große, dass sie von allen anderen am besten zu unterscheiden sind.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 2

Bisher keine Bewertungen

Kommentare