Kapitel 24
Belle erwachte langsam, nicht durch Stimmen, Türen oder Lärm, sondern durch eine subtile Abwesenheit. Das Bett neben ihr war kühl, und die Wärme, die sie in der Nacht gehalten hatte, fehlte. Ohne nachzudenken streckte sie die Hand aus, suchte die vertraute Form eines Körpers, der nicht da war, und berührte schließlich nur weiche Decke.
Einen Moment blieb sie reglos liegen, halb im Kissen versunken, das Gesicht noch gezeichnet von Schlaf und Müdigkeit. Ihre Haare waren verstrubbelt, ihre Glieder schwer – aber nicht erschöpft, sondern angenehm beansprucht. Es war ein Körpergefühl, das sie kaum noch kannte: befriedet, warm, lebendig.
Die Erinnerung an die Nacht war nicht bildhaft, sondern atmosphärisch. Kein Film von Handlungen, sondern ein schwerer Abdruck aus Nähe, Wärme, Atemzügen im Dunkeln und Händen, die sie gehalten hatten, bis die Müdigkeit stärker geworden war als alles andere. Sie konnte nicht sagen, wann zuletzt jemand mit ihr eingeschlafen war. Wahrscheinlich war es über ein Jahr her. Über ein Jahr, dass sie beim Aufwachen das Fehlen eines anderen Menschen so deutlich gespürt hatte.
Sie stieß ein kaum hörbares Geräusch aus und zog die Decke näher an sich, drehte sich einmal auf den Rücken, dann auf die Seite, schließlich stemmte sie das Gesicht ins Kissen und murmelte hinein:
„Verdammt, Cade…“
Kein Vorwurf. Kein Ärger. Eher eine nüchterne Feststellung eines Zustands, den sie nicht erwartet hatte.
Nach einigen Minuten zwang sie sich aufzusetzen. Ihre Muskeln protestierten, aber auf diese angenehme Art, die nicht Schwäche signalisierte, sondern Leben. Das Schlafzimmer war ruhig. Die frühmorgendliche Helligkeit fiel durch halbgeöffnete Vorhänge, gedämpft und warm. Neben ihr lag kein Chaos, keine hastig zusammengeschobenen Kleidungsstücke – nur die Spur eines Mannes, der früh aufgestanden war und den Raum ohne Krach verlassen hatte.
Dann bemerkte sie etwas auf dem Nachttisch.
Ein kleines schwarzes Etui, exakt positioniert, wie alles, was Cade tat. Belle runzelte die Stirn, zog die Decke um sich und griff danach. Der Deckel öffnete sich mit leiser Bewegung. Darin lag ein modernes Smartphone, sauber eingerichtet, daneben eine handgeschriebene Notiz auf weißem Papier.
Sie erkannte seine Schrift sofort — sauber, kantig, effizient.
Für Livia.
Drück „Kael“. Er bringt sie ans Telefon.
— C.
Belle blinzelte. Ein zweites Mal. Dann starrte sie einfach einen Moment auf diese Notiz, als müsse sie prüfen, ob sie nicht träumte. Dass Cade kontrollierte, wusste sie. Dass er eifersüchtig, territorial und manchmal schwer zu greifen war, ebenfalls. Dass er aber eigenständig Schritte ging, um ihr Zugang zu einem Teil ihres Lebens zu ermöglichen, den sie selbst kaum zurückfordern konnte — damit hatte sie nicht gerechnet.
Etwas zog kurz und heftig unter ihrem Brustbein. Warm. Schmerzhaft und tröstlich zugleich.
„Okay, Cade Bennett,“ murmelte sie leise, „Punkt für dich.“
Sie zog sich einen Hoodie vom Stuhl, streifte ihn über und setzte sich zurück aufs Bett. Das Smartphone entsperrte sich sofort. Der Homescreen war überraschend leer, fast klinisch aufgeräumt. Keine unnötigen Apps, keine Schnörkel — nur ein Ordner „Wichtig“ und direkt oben ein einzelner Kontakt:
Kael (Livia)
Belle atmete tief ein. Dann wieder aus. Ihr Finger zögerte über dem Display. Nicht aus Angst, sondern aus Gewicht. Livia war für sie kein beiläufiger Kontakt. Livia war ein Ankerpunkt gewesen, in einem Leben, das sich inzwischen wie ein früherer Bandabschnitt anfühlte. Ein Jahr ohne sie war kein Streit gewesen — es war ein Abreißen.
Und jetzt lag die Brücke in ihrer Hand.
Sie tippte.
Es klingelte kaum zweimal, da meldete sich eine tiefe Männerstimme:
„Ja? Hier Kael.“
Er klang wachsam und höflich, mit dieser Art von kontrolliertem Grundton, der verriet, dass er Entscheidungen gewohnt war.
„Ähm… hi. Hier ist Belle. Belle Carter.“
Eine minimal kurze Stille folgte — nicht unangenehm, sondern überrascht. Dann hörte sie im Hintergrund eine Bewegung, Schritte, Stimmen, und Kaels Stimme veränderte sich merklich:
„Belle? Warte kurz.“
Er rief nach jemandem. Dann hörte man ungedämpfte Schritte und aufgeregte Geräusche, und plötzlich schlug eine Stimme durch den Lautsprecher, die Belle in Sekunden identifizierte:
„BELLE?!“
Es war kein simples Begrüßen. Es war ein Ausbruch. Ein halbes Kreischen, halb Lachen, halb voller Tränen – hundert Prozent Livia.
Belle presste eine Hand vor den Mund, und ihre Kehle zog sich zusammen. Sie brauchte keine Videoübertragung, um das Bild zu sehen: Livia mit langen Haaren, weit geöffneten Augen, Gesten überall.
„Oh mein Gott, du lebst!“ sprudelte Livia. „Also natürlich lebst du, sonst würdest du nicht anrufen, aber du meldest dich endlich! Ich dachte, ich müßte Cade umbringen, weil er dich vor mir versteckt! Und Kael meinte immer, dass du irgendwann wieder auftauchst, und— Bist du da? Bist du echt? Diesmal kein Marek der sich verkleidet?“
Belle lachte, rau und unfertig, aber echt. „Hallo, Liv. Und nein. Diesmal bin ich die echte.“
„Warum hast du dich nicht gemeldet?! Kael meinte zwar, dass Cade dich schon lassen würde, aber weißt du, was ich mir ausgemalt habe? Du hättest vor ihm geflohen sein können und bei deiner Flucht hätte sonst was passieren können. Ich dachte—“
„Livia,“ unterbrach Belle sanft, „ich weiß. Es tut mir leid.“
Die Stille, die folgte, war nicht vorwurfsvoll. Eher eine, die wartete.
„Behandelt er dich gut?“ fragte Livia schließlich. Ihre Stimme war weich geworden, vorsichtig, besorgt.
Belle richtete sich etwas auf. „Ich bin nicht tot, ich lebe, und ich bin offenkundig an einen ziemlich besitzergreifenden Wolf geraten. Es geht mir gut.“
Dann fügte sie hinzu: „Und dir geht’s offensichtlich auch gut.“
„Mir geht’s großartig!“ Livia lachte hell. „Also… ja. Es ist gerade viel Chaos. Aber gutes Chaos.“
Belle zog ein Knie an, stützte den Ellbogen drauf und sagte schlicht: „Erzähl.“
Und Livia erzählte — enthusiastisch, emotional und ohne Filter.
„Überraschung Nummer eins: Ich heirate!“
Belle blinzelte. „Du… heiratest? Wirklich?“
„Ja! Also irgendwann. Wir haben es ein bisschen verschoben.“
„Wegen…?“
„Wegen zwei Dingen. Erstens, ich bekomme den schönsten Bauch der Welt — und zweitens passe ich nicht in königliche Kleider, während dieser Bauch wächst.“ Sie prustete kurz. „Und drittens, wir müssen noch Mira finden.“
Belle öffnete den Mund — und schloss ihn wieder. „Rettet… Mira?“
„Kaels Schwester,“ erklärte Livia, als wäre das völlig normal. „Sie ist mit einem Vampir durchgebrannt. Jetzt ist alles kompliziert und gefährlich und nervig, aber wir holen sie zurück und dann heiraten wir.“
Belle fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich war ein Jahr weg, und du bist schwanger, verlobt und mitten in einem Vampirdrama?“
„Technisch gesehen ja.“
Belle schnaubte. „Liv… ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll.“
„Mit ‚Glückwunsch‘,“ sagte Livia ohne Zögern.
Belle musste lächeln. „Glückwunsch. Wirklich.“
„Danke,“ hauchte Livia, hörbar gerührt. „Jetzt du. Was ist passiert nachdem Cade dich mitgenommen hatte? Lebst du gut, gibt er dir alles was du brauchst?“
Belle ließ den Blick durchs Zimmer schweifen — hoher Kamin, große Fenster, teure Stoffe, makellose Ordnung.
„Das… ist eine lange Geschichte.“
„Ich bin schwanger, Belle. Ich habe Zeit. Und Kael lässt mich kaum selbst Essen zubereiten.“
Also erzählte Belle. Nicht alles. Nicht das unwichtige. Aber genug, um Gegenwart und Vergangenheit zu verbinden: das Verschwinden, die Rückkehr, die juristische Arbeit, NovaTech, die Konfrontation mit der Familie, Sebastian, und natürlich Cade — als Chef, als Faktor, als Mann. Als ihr Mann.
Livia hörte zu. Und sie unterbrach nur selten — meistens dann, wenn Cade erwähnt wurde.
„Er ist… wichtig?“ fragte sie irgendwann.
Belle schloss die Augen. „Ja.“
„Gut wichtig oder toxisch wichtig?“
Belle lachte leise. „Beides, vermutlich.“
„Das ist die ehrlichste Antwort, die existieren kann,“ seufzte Livia. „Vor allem nach deinem Abgang.“
Dann kam ihr nächster Satz zart, fast schüchtern:
„Kann ich dich sehen?“
Belle hielt inne — nicht aus Unsicherheit, sondern weil ihr Herz kurz etwas tat, das sie nicht bestimmen konnte.
„Ja,“ sagte sie schließlich. „Ich glaube… ja.“
„Gut,“ sagte Livia. „Kael und ich besuchen dich. Oder du uns. Unsere Männer müssen das untereinander klären. Aber ich will dich sehen.“
Dann stockte sie und fügte hinzu:
„Und ich möchte, dass du meine Brautjungfer wirst.“
Belle verstummte. Ein Kloß schob sich warm in ihre Kehle. „Echt?“
„Natürlich echt! Du warst meine erste Wahl, auch als du weg warst. Ich habe Kael die ganze Zeit gesagt, dass du zurückkommen musst, weil es sonst keine richtige Hochzeit wird.“
Belle lachte. Es war heiser und weich gleichzeitig. „Ich will das. Wirklich.“
„Gut,“ sagte Livia triumphierend und schniefte dann plötzlich. „Und jetzt lass dich nicht mehr so von Caden vereinnahmen, klar? Ich habe nur ein Kleid. Und das ist teuer.“
Belle schloss die Augen und atmete langsam aus. „Deal.“
Sie sprachen noch eine halbe Stunde weiter. Über Baby-Namen „Ich bin für Namen, die nicht enden wie aus einem Vampirroman!“, über Gelüste „Kael hat gestern um Mitternacht Blaubeeren besorgt! Er war Nachts im Wald und hat sie von Sträuchern gesammelt.“, über Mira „Sie ist stur wie eine Mauer“ und darüber, wie verrückt die Politik der Vampirhöfe sein soll.
Als sie auflegten, fühlte sich das Zimmer anders an. Ruhiger, aber nicht leer. Die Stille war nicht mehr die eines Fehlens.
Es war die Stille eines Gefühls, das sagte:
Ich bin nicht allein.
Belle ließ das Handy sinken, legte es auf ihre Brust und sank langsam zurück in das Kissen. Ein Lächeln fing sich in den Ecken ihres Mundes, warm und ein wenig schief.
„Danke, Cade,“ flüsterte sie.
Sie meinte damit nicht den Wolf, der sie markierte, beschützte oder kontrollierte.
Sie meinte den Mann, der ihr geholfen hatte, einen Freund zurückzugewinnen — ohne, dass sie darum bitten musste.

























































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