Kapitel 44 – Würdest du es wieder tun?

Kapitel 44 – Würdest du es wieder tun?

 

Aurelie

Erneut waren ein paar Tage ins Land gezogen. Cyrus konnte wieder auf beiden Beinen stehen. Nur das Gehen fiel ihm noch schwer, aber daran arbeiteten wir. Außerdem ging unser Essen zur Neige. Ich war nur noch jagen gegangen, um etwas zum Trinken zu ergattern, das Rehkitz hatte genug Fleisch für ein paar Tage gebracht. Das Tierblut schmeckte abartig. Aber Cyrus hatte vor nicht allzu langer Zeit einen solch enormen Blutverlust erlitten – ich konnte mich nicht von ihm nähren.

Mit jedem Mal, das ich ihn nährte, wurde sie schlimmer, meine Wollust. Immer mehr verlangte es mich danach, ausgefüllt zu werden. Starke, raue Hände auf mir zu spüren, die bestimmten, wie ich zu liegen hatte; was ich zu tun hatte. Die Schläge hatten mir bei Grellos nicht im Geringsten etwas ausgemacht. Viel eher sammelte sich bei mir nur schon beim Gedanken an diese Nacht die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen. Es hatte sich gut angefühlt, wie er klar und bestimmt gesagt hatte, was er wollte. Und Götter, seine schmutzigen Worte hingen mir noch heute nach – sicher zwei Wochen später. Ich konnte aber nicht genau sagen, was es gewesen war. Der Schmerz des Schlags? Die Erniedrigung? Oder dass er mir die Last der Entscheidungen, die Last des Denkens abgenommen hatte? Vermutlich letzteres, wenn ich so darüber nachdachte. Oder eine Kombination aus allem. Ständig musste ich Entscheidungen treffen. Und so oft waren sie falsch.

„Noch ein wenig. Komm zu mir.“ Erwartungsvoll klopfte ich mir auf die Schenkel, während Cyrus mehr wankend als gerade auf mich zukam. Ich fühlte mich ein klein wenig, als würde ich mit einem kleinen Kind Laufen üben. Aber vielleicht diente das ja als gute Übung. Wer wusste denn schon, wie lange Vampirkinder zum Laufen lernen benötigten?

Schweiß sammelte sich auf Cyrus‘ Stirn. Die Lippen hatte er fest aufeinander gepresst. Nur langsam bewegte er sich auf mich zu. Kurz vor mir knickte sein linkes Bein ein und er kippte zur Seite. Aber es kam kein Ton über seine Lippen. Kein Fluch. Er schimpfte nicht mal, sondern kämpfte sich wieder hoch.

Noch immer trug er den albernen Lendenschurz aus den Überresten meines Kleides. Er bedeckte immerhin seine Weichteile und seinen Hintern. Aber im Kontrast zu seinem muskulösen Oberkörper, der gerade vor Anstrengung feucht glänzte, sah seine improvisierte Hose höchst lächerlich aus.



Ich seufzte für einen Moment verträumt. „Ohne diese Windel wärst du so viel attraktiver.“

Sein Blick schoss hoch und traf meinen.

Oh, verflucht, hatte ich das laut gesagt?!

„Was mich wieder zu der Frage bringt, ob du dich wirklich selbst befriedigt hast. Am ersten Abend? Und gestern.“ Seine Mundwinkel zuckten, aber sofort danach wurde er wieder ernst.

Brennende Hitze kroch mir die Wangen hoch. „D…du hast ge…schlafen!“ Und zwar jede Nacht … immer, nachdem er mich gebissen hatte, war er eingeschlafen! Und ich hatte mich um mich selbst gekümmert. Ein Wunder eigentlich, dass er nur zwei Mal davon mitbekommen hatte. Trotzdem … hätte er das nicht merken dürfen!

Belustigt zuckten seine Mundwinkel. „Ich habe es gerochen.“ Torkelnd legte er die letzten zwei Schritte zurück, blieb direkt vor mir stehen und legte eine Hand an meine Wange. „Ich bin aktuell wohl wieder das beste Beispiel für einen schlechten Ehemann.“

Mein Atem wurde schwer unter seiner Berührung. „Du bist gerade gelaufen“, stellte ich unter Aufbringen sämtlicher übriggebliebenen Denkkapazität fest. Und wieso dachte er so von sich? Er hatte sich für mich in die Tiefe gestürzt! „Du bist kein … schlechter … nein, wie kommst du drauf?“

„Du bist meinetwegen gesprungen, nicht wahr? Weil ich nicht für dich da war. Schon wieder.“ Er kam mir noch näher und legte seine Stirn an meine.

War ich das? „Irgendwie …“ Wieso war ich auf die Balustrade geklettert? Wieso fühlte ich mich ständig so einsam? Tief atmete ich ein, roch seinen Geruch, seinen Schweiß, meinen Gefährten und Verbundenen. „Ich bin hochgeklettert, weil ich … allein war. Weil mich alle, die mir etwas bedeuten, allein lassen und das macht mir noch weitaus mehr Angst als der Tod.“ Ich schluckte. „Ich bin hochgeklettert, weil ich sehen wollte, ob ich es könnte.“

Und wie fühlte es sich an?“

Über diese Frage musste ich nachdenken. Nachdenken, während ich spürte, wie sein Atem an meinen Mund drang und die Wärme seiner Stirn mich seiner unmittelbaren Nähe versicherte. „Ich weiß nicht“, hauchte ich leise, meine Stimme versagte beinahe. „Beängstigend? Frei? Furchteinflößend.“

„Und würdest du es“, er schluckte, „wieder tun?“

Erschrocken sah ich auf. Gleichzeitig schaffte ich Abstand zwischen uns. „Ich bin nicht gesprungen, Cyrus!“



„Sonst wäre ich dir nicht hinterher gesprungen, Nay.“ Er stellte sich etwas aufrechter hin, sodass noch mehr Abstand zwischen uns kam.

„Wäre ich willig gesprungen, wäre ich wohl kaum froh, noch am Leben zu sein!“, presste ich hervor. Die entspannte Ruhe war wie verflogen. Was traute er mir zu?! Dass ich unser Kind so in Gefahr bringen würde?! Nein, nicht nur in Gefahr, sondern dass ich es willentlich opfern würde, nur weil ich des Lebens überdrüssig geworden war?! „Sollte ich des Lebens wirklich leid werden, werde ich mir nach der Niederkunft überlegen, was ich tue!“, fuhr ich ihn an. Deutlich leiser fügte ich hinzu: „Ich wollte eigentlich nur die Bestätigung, dass ich es nicht tun würde. Nicht tun könnte.“ Krampfhaft drückte ich meine Hände auf meinen Bauch.

„Aber du bist in die Tiefe gestürzt. Ich dachte …“ Er wandte sein Gesicht ab. Wahrscheinlich, damit ich die Tränen in seinen Augen nicht sah. Aber ich hatte sie gesehen.

„Ja … ich bin gestürzt.“ Ich schluckte schwer. „Aber nicht gesprungen“, murmelte ich. Und plötzlich überkam mich ein Schluchzer. Dann ein Zweiter. „Ich hätte beinahe Schuld am Tod unseres Kindes gehabt, Cyrus“, wimmerte ich bitterlich. Und an dem der Ignis-Robur, und dem der vermutlich ganzen Welt, aber die konnte mir gestohlen bleiben! „Ich hätte beinahe …“ Dicke Tränen rannen mir über die Wangen, während die Kraft meine Beine verließ, und ich drohte, zu Boden zu gehen.

Cyrus kam wieder auf mich zu und legte seine Hände um mich. Ich hörte ihn schwer ausatmen. „Ich hatte so große Angst um dich, Nay. Bitte … bitte mach das nie wieder!“

War das ein Versprechen, das ich geben konnte? Versprechen gab man nicht leichtsinnig. Sie bedeuteten Verpflichtung. Verantwortung. Und nein. Dieses Versprechen konnte ich nicht geben. Es gab so viele Szenarien, von denen ich wusste, ich würde dann nicht mehr leben wollen. Also nickte ich nur schwach mit dem Kopf. „Ich werde unser Kind nicht mehr wissentlich in Gefahr bringen, wenn es sich umgehen lässt.“ Das konnte ich versprechen.

Erleichtert atmete er aus. Seine Arme zogen mich noch enger an seinen Körper, ehe er leise murmelte: „Und wenn unser Kind da ist, Nay? Willst du … möchtest du es mit mir zusammen großziehen?“



„Ich weiß nicht … also …“ Mit dem Kopf dicht an seiner Brust liegend, öffnete ich die Augen und starrte nachdenklich auf seine gebräunte Haut. Zumindest versuchte ich, zu denken. Nur wollte das nicht so recht gelingen. Was stellte ich mir für eine Zukunft vor? Eine, in der wir zusammen freudig Mutter, Vater, Kind spielten? Es wäre schon schön. Aber ob das funktionieren konnte?

Ungewollt hallten mir Emilis Worte durch den Kopf. Dass ich aufhören sollte, Ausreden zu suchen. Wieso ich ihn denn wirklich von mir stieß. Obwohl wir es die Wochen vor unserer Ankunft hier so schön hatten.

Sachte, im Bewusstsein, dass er immer noch verletzt war, kniff ich ihm in den Bauch, woraufhin sich seine Muskeln augenblicklich anspannten. Die Verletzung war immerhin am Rücken. „Du hast dir mit Emili eine verdammt starke Fürsprecherin geangelt, ich hoffe, das ist dir klar!“, brummte ich unzufrieden. Ich konnte so nicht denken. Nicht hier, an ihn geklammert und an seine Brust gelehnt. Nicht jetzt, wo mich mein Magen knurrend daran erinnerte, die Reste des Fleischs aufs Feuer tun zu müssen, damit Cyrus nicht wieder einen halben Übelkeitsanfall bekam, weil ich es roh aß.

„Ich habe Emil sicher nicht auf meine Seite gezogen, Nay. Ich habe seit Wochen kaum mit ihr geredet.“ Er trat einen Schritt zurück und nahm meine Hände in seine. „Was muss geschehen, damit du dir solch eine Zukunft vorstellen kannst? Was erwartest du?“ Er legte einen Finger an meine Lippen. „Ich erwarte jetzt noch keine Antwort, Nay. Auch nicht morgen. Aber wir müssen über unsere Zukunft reden. Und über die des Goldenen Reiches. Und wir müssen über unsere Rollen zueinander sprechen.“ Ein lautes Magengrummeln durchbrach die Stille, die nach diesen Fragen herrschte.

„Ich weiß“, hauchte ich. „Müssen wir. Am besten an einem gut gelüfteten Ort, wo dein Geruch mich nicht ganz kirre macht und zu einem Zeitpunkt, wenn mein Magen keine Gesangseinlage gibt. Einverstanden?“

Er grinste schief. „Ja, führen wir das Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt.“ Cyrus lächelte und führte meine Hände zu seinen Lippen. „Die körperliche Komponente wird aber noch ein paar Tage warten müssen. Es sei denn, du übernimmst die ganze Arbeit.“ Sein Lächeln wurde noch etwas breiter.



Die Augen verdrehend, wandte ich mich von ihm ab und dem Feuer zu. „Ich habe gesagt, wir reden darüber. Nicht wir halten Beischlaf und stöhnen uns ein paar Zukunftspläne entgegen!“ Was erlaubte er sich? Zweifelsohne waren meine Wangen von einer unübersehbaren Röte überzogen.

Den Kopf in den Nacken gelegt, warnte ich: „Wenn meine Kräfte jetzt wieder nicht funktionieren, und du so deiner Lebensversicherung weh tust, geht das nicht auf mein Konto, Ignis!“ Ich hatte mir angewöhnt, mit der Göttin zu sprechen. Jetzt, wo ich wusste, dass es sie wirklich gab – insbesondere jetzt, da sie ungefragt ihre Finger in meinem Leben hatte, mich schwängerte und mir Kräfte verlieh, aber das natürlich nur gerade dann, wenn es ihr genehm war, fühlte es sich an, als würde sie mich andauernd beobachten. Ich packte die Reste des Fleischs und warf sie aufs Feuer. Dabei näherte ich mich den heißen Flammen aber nur zögerlich. Erleichternd seufzend, zog ich mich wieder zurück. „Danke.“

„Ich dachte bei dem Beischlaf auch eher an dich, nicht an mich“, erklärte mein werter Verbundener sachlich und ließ sich vor dem Kamin auf seinen Hintern fallen. „Und ganz sicher würde ich solch ein Gespräch nicht währenddessen führen!“ Er beugte sich näher zum Feuer und zog das Brett zu sich heran, das er hin und wieder noch als Stütze nahm.

„Ist schon gut“, murmelte ich leise und streichelte mir über den Bauch. „Weißt du“, zögerlich setzte ich mich neben ihn, „ich frage mich die ganze Zeit, wie viel von ihr schon da ist. Ich meine, das Herz schlägt. Aber wie hat ein Herz in meinem Bauch Platz, ohne dass er dicker wird? Bin ich innerlich etwa hohl, damit das funktioniert?“

Sein Gesicht drehte sich zu mir und sein Mund klappte auf. „Nun, ja. Zumindest ein wenig. Aber das Kind ist aktuell sehr klein. Es sieht vermutlich nicht mal wie ein Vampir aus. Zumindest noch nicht. Es wächst auch erst am stärksten im letzten Jahr der Schwangerschaft.“ Sein Blick ging hinunter zu meinem Bauch. „Willst du ein Mädchen oder einen Jungen?“

„Ein … hm, eigentlich ist es doch egal, was es wird? So oder so wird es die Thronfolge antreten.“ Unsicher biss ich mir auf die Unterlippen. „Aber eigentlich … hätte ich, denke ich, gerne ein Mädchen. Schlussendlich wird es aber egal sein.“ Ein ruhiges Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus, als ich meinen Kopf auf Cyrus‘ Schulter legte.



„Ja, für die Thronfolge ist es egal. Aber wenn ich wählen müsste, wäre mir ein Junge sehr lieb.“ Er legte einen Arm um mich, zog mich näher und gab mir einen Kuss auf die Schläfe. „Vermutlich wird es Jahrhunderte dauern, bis das zweite Kind kommt. Dann wird das erste schon lange erwachsen sein, erwachsen und vermählt.“ Er küsste meinen Haaransatz. „Egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, ich möchte auf jeden Fall, dass es sich erst verliebt und dann den Blutschwur eingeht. Ich will für unser Kind keine arrangierte Ehe.“

„Das wollte ich auch gerade sagen“, brummte ich träge und gähnte. „Ist mir egal, ob sie noch unschuldig ist, wenn sie den Bund eingeht. Sowieso ist es völliger Schwachsinn, dass dies noch immer praktiziert wird. Bei Menschen sehe ich den Sinn, dass das Kind wirklich vom Gatten sein soll, aber doch nicht bei Vampiren. Insofern man nicht gerade eine Göttin hinter sich hat, die ihr Erbe und ihre Existenz zu sichern versucht.“ Erneut überkam mich ein Gähnen. Seitlich kauerte ich mich zusammen und machte es mir mit meinem Kopf im Schoß meines Verbundenen bequem. „Du hast es damit auch absolut bodenlos übertrieben, ich hoffe, das ist dir kla…“ Mein Atem wurde so schwer, dass sprechen unglaublich anstrengend wurde. Und meine Augen konnte ich schon gar nicht mehr öffnen.

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