Kapitel 46 – Das Rätsel um die Gebärmutter
Kapitel 46 – Das Rätsel um die Gebärmutter
Aurelie
Stirn an Stirn verabschiedete ich mich von meiner Freundin. „Vielleicht ist die Gefahr bald vorüber“, hauchte ich leise. „Und dann kannst du mir helfen, wenn ich … wenn ich …“
„Ich weiß, du hast Angst vor der Geburt, Naya.“ Fest umfasste sie meine Hände mit ihren und drückte sie aufmunternd. „Ich werde nach Möglichkeit bei dir sein.“ Ich schluckte schwer und nickte leicht. Denn das war kein Versprechen gewesen. Das war nur ein ‚nach Möglichkeit‘. Was bedeutete, wie diese Geburt verlaufen würde, stand noch in den Sternen. Tränen rannen mir unentwegt über die Wangen. Emili strich sie mir seufzend weg. „Überleg doch nur, welcher Folter ich hier ausgesetzt werde. Sie ist arrogant, hochnäsig, …“
Ich kicherte verheult. „Ja. Ich bin sicher, ihr werdet euch fantastisch verstehen.“ Kretos würde sie bei erster Gelegenheit aus dem Schloss werfen. Zu gut, dass ich die Macht hatte, ihm das zu verbieten.
Eine Hand legte sich auf meine Schulter. „Nay. Wir müssen los.“ Cyrus legte die andere Hand auf Emilis Schulter. „Emili wird es hier an nichts mangeln. Kretos wird es nicht wagen, sie aus seinem Schloss zu werfen.“
Ich nahm Abstand von Emili. „Seit wann kannst du Gedanken lesen?“, murrte ich meinem Verbundenen zu, die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen. Ich war, um ehrlich zu sein, nicht gerade scharf darauf, aufs Pferd zu steigen. Zwar durfte ich allein reiten und das Reiten generell machte mir Spaß, aber es war eiskalt! Überall lag noch Schnee, nur zu unserem Glück nicht mehr so unfassbar viel. Mit einer Kutsche zu reisen, war jedoch undenkbar.
Er reagierte nicht auf meine Frage, sondern nahm mich an die Hand. „Du hast die Kutsche, Emili. Wann immer du verreisen willst, mach es. Die Kutsche gehört dir.“ Nur die Pferde konnte er nicht hier lassen. Aber Kretos würde sicher die Kutsche mit seinen Pferden bespannen, sollte Emili den Wunsch äußern, für ein paar Tage zu verreisen.
Das Gepäck war in große Satteltaschen verteilt worden. Jeder Reiter trug einen dicken Mantel, auch wenn die Grigoroi diese theoretisch nicht bräuchten. Sechs Pferde. Drei von Cyrus‘ Grigoroi, zudem Irina, Cyrus und ich. Dabei waren wir nur mit fünf Pferden angekommen. Die Grigoroi saßen schon auf den Pferden. Cyrus ging zu einer Stute und reichte mir die Zügel. „Brauchst du Hilfe?“
„Nein. Danke.“ Ich packte die Zügel, stieg mit einem Fuß in das Eisen und schwang mich hoch. „Aber Cyrus … du solltest nicht allein reiten. Du kannst gerade so wieder laufen.“ Sorge machte sich in mir breit, wenn ich daran dachte, wie Elok ihn gestern noch gegen Ende des Ritts auf dem Pferd festhalten musste. Ansonsten wäre er gestürzt.
„Es ist leichter, sich auf einem Sattel zu halten, als zu laufen. Es wird gehen.“ Cyrus wandte sich von mir ab und ging zu seinem Pferd. Nur schon beim Zusehen, wie er sein Gesicht unter Schmerzen verzog, tat mir selbst alles weh. Aber er saß, wenn auch mit vor Schweiß glänzender Stirn, im Sattel.
„Gut“, brummte ich so leise, sodass es niemand hören konnte. „Hör nicht auf mich und falle. Damit ich dich dann wieder wochenlang gesund pflegen kann.“ Mich überkam schon halb die Vermutung, er legte es darauf an.
Es dauerte nur wenige Tage, da geschah beinahe das erste Unglück. Wir ritten durch Schnee und Eis. Die Bedingungen für eine derart lange Reise waren alles andere als gut. Ging es bergab, dann rutschten die Pferde und wir mussten absteigen und laufen. Ging es bergauf, wurde es noch mühseliger.
Die ganze Zeit hielt ich meinen Blick auf Cyrus gerichtet. Er hielt sich gut – dafür, dass wir jeweils schon relativ früh zur Nachtruhe abstiegen und eher spät wieder aufsaßen und weiter ritten. Entsprechend zog sich der Weg.
Trotz der verhältnismäßig wenigen Stunden zu Pferd, verglich man sie mit denen des Tages, brannten meine Innenschenkel bereits nach dem ersten Tag wie Feuer. Es kribbelte und kratzte und wollte gar nicht mehr aufhören. Ständig glitten meine Hände zwischen meine Schenkel, um zu kratzen, was Cyrus mit einigen, wohl formulierten, ungehobelt anzüglichen Kommentaren versah. Welche die Grigoroi wiederum zum verhaltenen Schmunzeln anregten. Leeander hätte bestimmt laut losgelacht.
Ich wiederum rümpfte über seine Scherze – die wohl seine Art waren, mich dazu zu bringen, wieder mit ihm zu schlafen – nur die Nase und schmunzelte innerlich. Zeitgleich regte ich mich darüber auf, denn mein Körper reagierte auf die dreckigen Worte meines Gemahls und bereiteten mich jeweils voller Inbrunst darauf vor, für ihn die Beine breitzumachen.
Soeben ritten wir, in Diamantform aufgefächert, über ein großes, verschneites Feld. Cyrus ritt wie immer an der Spitze, versetzt dahinter folgte ich und hinter oder neben mir die Grigoroi. Der weiße Frost, den ich im Goldenen Reich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, machte Tage und Nächte kalt, den Boden rutschig und die Reise gefährlich. Und doch war die im Sonnenlicht weiß glänzende, weitläufig unberührte Ebene mit jedem Umblicken ein weiteres Mal bezaubernd. Und wenn ich dachte, ich hätte genug davon gesehen, dann hüpfte ein Schneehase – ein Hase getaucht in weißes Fell – durch die Landschaft und belebte meine Faszination erneut. Meine Augen glitten über die Landschaft und ich sog auf, was ich nur konnte. Die unanzweifelbare Schönheit, das Glitzern, die frische, reine Luft.
Plötzlich erklang ein Schrei hinter mir, der mich herumfahren ließ. „Irina!“, rief ich erschrocken. Ihr Pferd war eingebrochen. Eingebrochen? Mit immer größer werdenden Augen blickte ich über das Feld aus Schnee. Ein knackendes Geräusch ließ mich erneut herumfahren und wieder zu meiner Freundin blicken.
„Zurück!“, schrie Cyrus seinen Grigoroi zu, die sofort stoppten, obwohl ich ihnen ansehen konnte, dass sie Irina zur Hilfe eilen wollten. „Nay, bleib da, wo du bist!“ Er selbst stieg vom Pferd ab und reichte mir die Zügel. „Reitet ganz langsam weiter. Dorthin, wo die Bäume sind. Ganz langsam!“
Verängstigt griff ich nach den Zügeln. „Aber du bist verletzt“, hauchte ich. Er konnte doch nicht wagen, wieder in so kaltes Gewässer zu fallen! Aber Irina auch nicht! Auch wenn sie theoretisch nicht atmen musste …
Ich schluckte schwer und trieb mein Pferd wieder an. Ganz langsam und vorsichtig näherten wir uns den Bäumen. Cyrus‘ Pferd folgte brav. Die Grigoroi, die hinter Irina her geritten waren, hatten zum Rückzug angesetzt und umgingen die Einbruchstelle großzügig.
Cyrus näherte sich der Stelle, in der Irina eingebrochen war. Das Pferd ragte noch mit dem Kopf raus, aber Irina saß bis zum Oberkörper in kaltem Wasser und atmete panisch. „Versuch das Pferd ruhig zu halten, Irina!“ Cyrus krabbelte mittlerweile auf allen Vieren immer näher auf Irina zu. Am Ende legte er sich mit dem Bauch aufs Eis. „Und nun wirf mir die Zügel rüber!“
Irina zögerte. Ihr Blick huschte wild umher, bis er den Meinen traf. Obwohl ich selbst angespannt war, nickte ich ihr ermunternd zu. Ich konnte ihr die Angst ansehen. Und doch warf sie Cyrus jetzt die Zügel zu.
Dieser versuchte nun, das Pferd zu sich zu ziehen, doch sank es nur noch tiefer, laut wiehernd und panisch den Kopf herumwerfend.
Cyrus‘ kompletter Oberkörper war bereits durchnässt. „Irina“, sprach er ruhig, „wir können das Pferd nicht retten. Also musst du absteigen und zu mir kommen.“
Irina schluckte sichtlich, das war selbst aus meiner Entfernung noch zu sehen. Doch sie griff nach Cyrus‘ Hand. Wieder huschte ihr Blick zu mir, doch ich konnte nichts weiter tun, als ihr ermutigend zuzunicken, während mein Pferd eine kleine Böschung hochlief und damit die Eisfläche schnaubend hinter uns ließ.
Im nächsten Moment zog mein Gemahl Irina mit einem Ruck vom Rücken des Pferdes und warf sie über sich hinweg. Irina landete etwas weiter weg auf der Eisfläche, die, wenn man genau hinhörte, beunruhigende Geräusche von sich gab.
Cyrus richtete sich ganz langsam wieder auf, wobei seine Hand zur Wunde an seinem Rücken glitt. Ganz langsam schob er sich halb aufgerichtet zurück. Dabei warf er die Zügel zurück zum todgeweihten Pferd. Dieses scheute plötzlich wild und schlug mit den Vorderbeinen gegen das Eis. Erneut knackte es laut. Im nächsten Moment stürzte Cyrus kopfüber in das Wasser.
„Cyrus!“ Ohne nachzudenken, sprang ich vom Pferd und eilte auf ihn zu. Allerdings kam mir Irina nach weniger als der Hälfte der Strecke entgegen und hielt mich auf, während Elok an mir vorbei flitzte und zu seiner Majestät lief.
Alle zusammen saßen wir um ein loderndes Feuer herum auf nassen Baumstämmen oder auf dem vom Schnee frei geschaufelten Boden. Und während sich die Grigoroi darüber freuten, wie einfach es mit meiner Hilfe war, ein Feuer zu machen, und das trotz der schneeigen Verhältnisse, starrte ich nur schmollend ins Feuer. Ich hätte ihn auch retten können. Ganz sicher sogar.
Cyrus hatte sich umgezogen und wärmte sich nun am Feuer. Mich hatte er ungefragt auf seinen Schoß gezogen, mit der Begründung, dass er seine Königin sicher nicht auf dem nassen Boden sitzen ließe. Vermutlich erhoffte er sich einfach nur, dass ich ihn wärmte. „Danke“, flüsterte er leise an meiner Seite.
„Ja, ja“, brummte ich misslaunig. Es war noch nicht einmal Sonnenuntergang und wir mussten jetzt schon rasten. Obschon meine Schenkel es mir dankten, nervte mich der Zeitverlust. Ein ernstzunehmendes Problem war jedoch, dass die Pferde hier weder zu trinken noch Nahrung fanden.
„Wie geht es deiner Wunde?“, raunte ich nach einer Weile leise zurück.
„Es sticht fürchterlich bei jeder Bewegung.“ Er vergrub sein Gesicht in meinem Haar. „Wir haben ein Pferd weniger. Willst du mit Irina zusammen reiten?“
„Kann ich machen.“ Eigentlich wäre ich ja lieber allein weiter geritten. Insbesondere, da Irina und Elok sich ständig diese … Blicke zuwarfen. „Wenn sie das will. Jetzt werde ich aber nach deiner Wunde sehen, öffne bitte den Gürtel.“ Ich erhob mich ungelenk von seinem Schoß und umrundete den Mann meiner Träume.
Zu meinem Leidwesen war das keine Redewendung gewesen, sondern Tatsache. Ich hatte die letzten Tage nur noch davon geträumt, wie er blutend auf dem Boden der Hütte gelegen hatte. Und jedes einzelne Mal, wenn ich aufwachte, galt mein erster Blick und mein erster Gedanke ihm.
„Ihr beiden seid leichter als zwei Männer“, erklärte er sich. Dann öffnete er den Gürtel und zog kurz darauf sein Hemd über den Kopf.
Ich kniete mich hinter ihn. Die Wunde war verschlossen, aber noch immer stark gerötet. Wenn er sich zu stark bewegte, würde sie aufreißen. Meine Finger strichen hauchzart über die geröteten Stellen. Er hatte sie nur meinetwegen. Er war meinetwegen gesprungen. Ich war schuld.
Er seufzte leise. „Das tut gut. Einfach nur streicheln.“
Ich hielt inne. Ich war dabei zu evaluieren, wie schlimm es war, nicht dabei, ihn zu streicheln! Ein leises Seufzen verließ meine Lippen und ich streichelte weiter. Er war für mich gesprungen, um Himmelswillen. Da konnte ich ihm diesen Gefallen tun.
„Spürst du eigentlich schon etwas? Vom Kind?“
„Nein, du hast doch selbst gesagt, es ist noch zu klein. Man sieht ja noch nicht einmal etwas …“, brummte ich leise. Irgendwie war mir das Gespräch im Beisein der ganzen Grigoroi unangenehm. Obgleich drei losgelaufen waren, um sich etwas zu trinken zu suchen.
„Nun, ich weiß gar nicht, wie groß es ist. Ich dachte nur, du spürst es durch die Gebärmutter.“ Er machte Anstalten, sich das Hemd wieder über den Kopf zu ziehen. „Vielleicht gibt es Bücher über Schwangerschaften bei Vampiren.“
Wie bitte? Gebär…mutter? Was sollte denn das sein? Eine Mutter, die niederkam? Aber das hieß dann doch sowieso Mutter? Und ich sollte mein Kind dadurch spüren? Also wie eine Art Instinkt? „J…a, vielleicht.“ Ich fühlte mich dumm.























































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