Kapitel 55 – Amaro

Kapitel 55 – Amaro

 

Aurelie

Leise prasselte das Feuer in der Dunkelheit vor sich hin. Sein Knacken war das Einzige, das die Stille unterbrach. Für die Vögel war es noch zu früh, und Amaro und ich wechselten kein Wort. Wir genossen lediglich die Stille, solange sie noch anhalten mochte, bevor wir die Stadt erreichten und vom Schlossleben wieder voll und ganz eingenommen wurden.

Meine Hand lag auf meinem Bauch. Eigentlich tat sie das durchgehend in letzter Zeit. Mein Blick hingegen war auf die Flammen gerichtet, die in einer Mischung aus Rot, Orange und Gelb um die Wette züngelten und dabei Kunst erschufen, so schön und doch so tödlich.

Auf einmal machte sich Amaro bemerkbar. „Ihr braucht viel Ruhe, die nächste Zeit.“ Er deutete auf meinen Bauch. „Das ist wichtig.“ Verblüfft starrte ich ihn an. Was wusste er über Schwangerschaften? Und was wusste ich über ihn? Wir hatten bisher nicht viel miteinander zu tun gehabt. Lediglich einzelne Worte wurden zwischen uns ausgetauscht, meist der Informationsübermittlung wegen. Doch ich musste nicht fragen, da fuhr er schon fort: „Meine Frau hat unsere beiden damals verloren. Der Heiler hat gemeint, es sei aufgrund der schweren Arbeit auf dem Feld geschehen, aber das war nicht möglich. Ich hatte ihr verboten, weiterzuarbeiten. Also muss es der Stress gewesen sein.“ Er seufzte leise und blickte hinauf in den Himmel. „Oder vielleicht sollte es einfach nicht sein.“

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. „Das … tut mir furchtbar leid, Amaro“, flüsterte ich leise. „Ich gebe auf sie acht, ganz sicher.“

„Ihr müsst Euch schonen, Majestät. Das seid Ihr dem Kind schuldig, das in Euch wächst.“ Amaro legte noch einen Ast nach.

Ein fremder Geruch stieg mir in die Nase. Es roch nach Schweiß. Auch Amaro musste es gerochen haben, denn er sah mich an und hielt einen Finger an seine Lippen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen. Auch ich hörte es. Die leisen Schritte. Herzschläge. Nun machte sich das sporadische Training mit Elok tatsächlich bezahlt. Es näherten sich Personen. Mindestens vier, eher fünf oder sechs. Männer, dem strengen Schweißgeruch nach zu urteilen.

Amaro wartete nicht länger und war mit einem kräftigen Sprung auf den Beinen. Er griff nach seinem Schwert und wirbelte herum.



Die Männer stockten nur kurz, dann zogen sie ebenfalls ihre Schwerter und rannten auf uns zu. „Die Hübsche gehört mir zuerst!“, knurrte einer von ihnen. Es waren wirklich sechs Männer und sie alle stürmten auf Amaro zu, der sich ihnen mit gehobener Waffe entgegenstellte.

„Ihr seid bloß schwache Menschen!“, knurrte er drohend und zeigte dabei seine Fangzähne. „Noch habt ihr die Gelegenheit, um wegzulaufen!“

Zu spät bemerkte ich den Mann hinter mir, dessen Klinge mir jetzt am Halse lag. Erschrocken schrie ich auf, woraufhin die Klinge nur noch stärker gegen meine Haut drückte.

„Still, Kleine!“ Meine Arme schlagen sich um meinen Bauch. Sie zuckten noch nicht einmal zu dem Messer an meinem Hals – obschon das momentan deutlich gefährlicher war. Plötzlich spürte ich eine Zunge an meinem Ohrläppchen. Mir wurde schlecht. Gleichzeitig verfiel ich in einen apathischen Zustand. Mein Atem flach, die Augen weit aufgerissen, sah ich Ashur vor mir, wie er mir am Ohrläppchen knabberte, mir Worte zuflüsterte …

Der Mann hatte mich vom Kampf weggedreht. „Wir nehmen dich einfach mit und benutzen dich als Wanderhure. Was hältst du davon?“ Er drehte die Klinge, sodass sie nun gegen meinen Kiefer drückte. Die andere Hand legte er an meinen Nacken und drückte fest zu. „Lass die Decke los, du kleine Schlampe, und zieh deinen Rock hoch!“

Atmen. Atmen. Zeit gewinnen. Wenn er das Kleid sah, wusste er, um meinen Stand als Adelige. Aber das war bei Vampiren normal …

„Ich bin nur … eine Grigoroi! Eine Dienerin, der Vampire, sie werden dich nicht verschonen, nur weil du mich tötest!“, krächzte ich.

Schwerter klirrten, aber ich sah nicht, wie der Kampf aussah, da er hinter mir stattfand. Auch den Mann sah ich nicht, da er hinter mir stand. Aber ich spürte seine harte Männlichkeit an meinem Hintern. „Mir egal, wer du bist! Du wirst jetzt schön die Beine breit machen und deinen Rock heben, verstanden?“ Das Schwert schnitt in meine Haut am Kiefer. Nicht tief, trotzdem roch ich mein eigenes Blut. „Ansonsten schneide ich dir die Ohren ab. Und danach die Zunge!“

„Das wäre äußerst unerfreulich“, quietsche ich angespannt, nicht mehr fähig, zu denken. „Alles, was du sagst, nur nimm das Messer weg, ja? Vergnügen lässt es sich nur schlecht mit Messer an der Kehle …“ Meine Hände zitterten vor Angst und die Decke fiel. Eigentlich könnte ich seinen Arm einfach runterreißen und ihm das Genick brechen. Eigentlich war ich stärker als er …! Nur bewegte sich mein Körper kein Stück. Lahmgelegt von der unbändigen Angst, die mich durchflutete.



Er ließ das Schwert sinken und griff mit beiden Händen meine Hüfte. Ein widerliches Grunzen entwich seiner Kehle. Kurz darauf ließen seine Hände von mir ab und er stürzte neben mir auf den Boden. Ein Schatten warf sich auf ihn. Kurz darauf stieg mir der Geruch von fremdem Blut in die Nase.

„Cyrus!“, keuchte ich erleichtert. Hastig drehte ich mich um. Amaro war noch dabei, zu kämpfen.

„Nay!“ Ich warf einen Blick zurück. Cyrus hielt mir ein Schwert hin. Mit zittrigen Händen griff ich danach und beeilte mich, Amaro zu unterstützen. Einer der drei, die noch gegen ihn kämpften, wandte sich auf den Boden spuckend mir zu. Die Augenbrauen gefurcht, tastete mich sein Blick ab, ehe er mit offener Deckung auf mich zustürmte.

Jetzt übernahm das Training. Meine Apathie war verflogen. Nicht umsonst hatte ich Jahrzehnte lang immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe geübt! Und doch war mir mein Gegner theoretisch im Schwertkampf überlegen. Wäre er nur nicht so nachlässig, mich nur aufgrund meines Geschlechtes als unfähig abzustempeln.

Klingen prallten aufeinander, abwechselnd war mir heiß und kalt, aber mein Kopf war leer. Da war nur der Kampf. Ducken, Schwung ausnutzen, zuschlagen. Um den Gegner herumtänzeln, unerwartet angreifen – Herz durchbohren. Zu meiner Blamage verfehlte ich, wodurch mein Gegner noch eine Chance bekam. Dann war sein Kopf ab und ich stand schwer atmend und blutbespritzt da, die Klinge noch immer auf Höhe seines Halses erhoben.

Eine Sekunde. Der Kopf fiel. Zwei. Er landete, verzogen zu einer grotesken Maske, einen Meter weiter weg. Drei. Der Körper verlor an Spannung. Einatmen. Der Oberkörper fiel in sich zusammen. Ausatmen. Der Mann lag am Boden.

Ich drehte mich um und riss mich von dem Anblick los. Cyrus halbierte seinen Gegner in gerade diesem Atemzug, und Amaro hatte den letzten Gegner auch bereits niedergestreckt. Doch er selbst war nicht ungeschoren davongekommen.

Alles in mir sehnte sich danach, in die Arme meines Verbundenen zu fallen und zu weinen. Stattdessen trieben mich meine Beine vorwärts, auf Amaro zu, der soeben keuchend und ächzend in die Knie gegangen war, das Schwert neben sich am Boden liegend.

„Amaro!“ Schwer atmend fiel ich neben dem Grigoroi in die Knie. Auf die Schnelle erkannte ich drei Wunden, aus denen massig Blut floss. Amaros Hand lag zitternd auf seinem Bauch. „Cyrus, dein Blut!“



Cyrus ging auf der anderen Seite neben Amaro in die Knie. Er nahm die Hand des Grigorois von dessen Bauch. Ein tiefes Seufzen entwich meinem Gatten. Er schluckte schwer und sah kritisch, mit gerunzelter Stirn dabei zu, wie unaufhaltsam Blut aus der Bauchwunde sickerte. Cyrus schloss einen Moment die Augen, dann zog er seinen Grigoroi näher an sich, um Amaros Kopf auf seinen Schoß zu betten. „Ich danke dir, mein Freund. Ich danke dir, dass du so viele Jahrzehnte treu an meiner Seite gestanden hast.“ Er hielt Amaros Hand fest, die immer wieder zu seinem Bauch wandern wollte, um seine Gedärme zurückzudrücken. „Bald bist du bei deiner Frau und deinen Kindern.“

„Cyrus … ich will noch nicht gehen…!“ Eine Träne lief den Grigoroi über die Wange.

„Ich weiß“, flüsterte Cyrus leise. „Obwohl wir so lange leben, sind wir am Ende nicht bereit für den Tod.“

Amaros Körper krampfte. Er verlor immer mehr Blut. Sein Blick galt nur Cyrus, seinem Erschaffer. „Ich will bei dir bleiben!“, flehte Amaro mit zittriger Stimme.

„Das wirst du auch, Amaro. Du wirst immer bei mir sein. Jeden Tag.“ Mein Verbundener schluckte hart.

„Cyrus …“ Die Augen des Grigoroi wurden glasig. Sein Körper hörte auf zu zittern. Er lag völlig ruhig da, den Blick immer noch auf Cyrus gerichtet.

„N…nein …“, stieß ich hauchend hervor, atemlos, gedankenlos, gefangen im Schock, den die Wahrheit in mir hinterlassen hatte.

Cyrus rieb sich die Augen, wischte die verräterischen Tränen fort, bevor sie über seine Wangen laufen konnten. Immer wieder wischte er die Tränen weg, bis ein Schluchzer seinen Lippen entwich. Es gelang ihm nicht mehr, den Schmerz zurückzuhalten. Leise schluchzend legte er sich beide Hände vors Gesicht. All der Schmerz brach heraus und Cyrus fing an zu weinen. Seine Schultern bebten und traurige, gequälte Laute verließen seinen Mund.

Ich wollte ihn in die Arme nehmen, war schon dabei, als ich plötzlich das Gebüsch rascheln hörte. Ich sprang hoch und fuhr herum. Gerade noch rechtzeitig, denn ein Hinterbliebener, der sich wie ein Feigling im Gebüsch versteckt hatte, stürmte geradewegs mit gezücktem Dolch auf mich zu.

Mit ausgefahrenen Fängen stellte ich mich breitbeinig vor meinen Verbundenen, fauchte laut und schnellte vor. Die Hand mit dem Dolch fegte ich in einer gleitenden Bewegung zur Seite; meine Fänge vergruben sich im Fleisch des Angreifers Nacken. Die Haut riss, Blut floss und bald schon brach sein Genick mit lautem Knacken. Ich stieß ihn von mir, meine Kleidung blutgetränkt. Der Leichnam fiel mit einem lauten Plumps zu Boden. Mein Blick fand das Gesicht des Angreifers: Noch ein halbes Kind.



Meine Hand fand instinktiv meinen Bauch. Dann drehte ich mich um, ließ mich auf die Knie fallen und stand meinem weinenden Verbundenen bei. Hinter ihm kniend, legte ich meine Arme um seine Körpermitte und schmiegte meine Wange an seinen Rücken an. „Es tut mir so leid, Cyrus“, flüsterte ich, die Tränen in meinen Augen fließen lassend. Es hatte ja doch keinen Sinn, dagegen anzukämpfen. „Es ist meine Schuld. Ich hätte schneller reagieren müssen. Dann hätte ich ihm früher zur Seite stehen können.“ Ich zog ihn mit meinen Armen näher an mich heran.

Cyrus weinte an meiner Schulter, bis die Sonne aufging und seine Tränen versiegten. Der Geruch von Blut war beinahe unerträglich. Vor allem, weil das Blut eines Grigoroi ungenießbar war.

„Ich“, Cyrus stockte und holte tief Luft. „Ich frage Elok, ob er Amaro bei seiner Familie besetzt.“ Er wischte sich die letzten Tränen weg und sah mich aus roten, leicht geschwollenen Augen an. „Amaro war der Liebste von allen. Unglaublich schüchtern. Aber ein Herz, reiner als das eines Kindes.“ Ein gequältes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Er war eine ganz wundervolle Seele“, stimmte ich leise zu. „Wollen … willst du für ihn beten? Dann lasse ich dich …“ Vielleicht brauchte er auch einen Moment für sich?

„Nein. Aber vielleicht möchtest du dich etwas zu Irina und Aurillia setzen. Dann räume ich hier auf und schaffe die Leichen weg.“ Behutsam legte Cyrus den Kopf von Amaro neben sich und stand dabei auf. „Elok und Stinan kommen sicher auch bald.“

„Als hätte ich noch nie Leichen verscharrt.“ Ich stand auf. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte ich das letzte Mal meinen Mageninhalt über den Banditen ausgeleert, als ich ihre Leichen aufeinandergestapelt hatte. „Gut, verscharrt nicht. Ich habe sie bloß aufeinandergestapelt.“ Ich reichte Cyrus meine Hand und zog ihn hoch. Dann legte ich meine Hände in seinen Nacken und zog seine Stirn zu meiner. „Wir machen das zusammen. Ich stehe an deiner Seite. Stoß mich nicht weg.“

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