Kapitel 57 – Ich hatte dich geliebt
Kapitel 57 – Ich hatte dich geliebt
Aurelie
Frisch gewaschen und gekleidet, erwartete mich Cyrus schon vor meiner Tür. Während meine Augen ihn von Kopf bis Fuß musterten, rissen seine mir fast das Kleid wieder vom Leib. Das Haar hatte er zurückgebunden, was mir ein leises Knurren entlockte. Schnell glitt meine Hand in seinen Nacken und entfernte das Band. „Besser“, seufzte ich, mit einem ehrlichen Lächeln auf den Lippen. Sein Kinn hatte er frisch rasiert, seine Gewandung bestand aus einem aus dünnen, aus Leinen gewebten Hemd und einer Hose. Er sah eindrücklich aus. Heute konnte ich ihm aber allemal das Wasser reichen.
Selbst hatte ich mich für ein altes Kleid meiner Mutter entschieden. Der Schneider hatte einige ihrer Kleider während unserer Abwesenheit für mich umgenäht … wobei er aufgrund der Schwangerschaft damit wohl gleich wieder von Neuem beginnen konnte. Bordeauxrote Ärmel, die nach unten hin in die Breite gingen, verliehen dem schweren, bodenlangen, imposanten Samtkleid eine gewisse Eleganz. Mit Gold eingefärbten Schnüren auf beiden Seiten meiner Taille konnte das Kleid geringfügig auf den Träger angepasst werden. In meinem Fall betonte es – statt wie herkömmlich vorgesehen – nicht meine schlanke Taille, sondern viel eher die mittlerweile unübersehbare Wölbung meines Bauchs.
Ich stöhnte leise. „Wenn du mich so ansiehst, kommen wir nicht bis zum Ratssaal, Cyrus!“ Streng verschränkte ich die Arme vor der Brust, was, von meiner Person unbedacht, meinen Busen wunderbar in Szene setzte.
„Du bist wunderschön, Nay.“ Cyrus beugte sich zu mir vor, legte seine Lippen auf meine und küsste mich sanft. Und viel zu kurz. „Aber du hast recht. Wir müssen zum Ratssaal. Also muss ich meine Gedanken, was ich alles mit dir anstellen will, vorerst für mich behalten.“
Wir setzten uns in Bewegung, den Arm hatte ich bei ihm eingehakt. „Wir haben ein Bett“, sinnierte ich laut.
„Und ich habe vor, es später ausgiebig zu benutzen“, entgegnete er belustigt und mit einem drohenden Unterton, der meine Mitte verlangend zucken ließ.
„Wir könnten die Sitzung auch vergessen haben …“, brachte ich in scheinheilig sachlichem Ton an.
Cyrus blieb abrupt stehen und zog mich dabei vor sich. „Alles in mir schreit danach, die Verpflichtungen für ein paar Stunden zu vergessen. Am liebsten würde ich sofort wieder in die Hütte im Wald zurückkehren. Aber wir sind König und Königin. Wir müssen erst das Chaos im Goldenen Reich beseitigen.“ Sachte legte er seine Hand an meine Wange und strich mir eine Strähne hinters Ohr.
„Stimmt“, seufzte ich und senkte schuldbewusst den Kopf. Die letzten Monate hatte ich mich doch tatsächlich dem Traum hingegeben, diese Verantwortung nicht mehr auf meinen Schultern lasten zu haben. „Das Dorf …“ Die ganzen unschuldigen Menschen waren qualvoll bei lebendigem Leib verbrannt und ich dachte an mein Vergnügen.
„Und all die anderen Menschen, die in diesem Augenblick Hunger leiden müssen.“ Er küsste meine Nasenspitze, legte einen Arm um mich und seufzte. „Komm, bringen wir es hinter uns. Wir sind es den Menschen schuldig.“
Meine Hand wanderte hinunter zu meinem Bauch. Den Menschen und der Zukunft.
Vor dem Ratssaal angekommen, atmete ich einmal tief ein und aus. „Sie werden es sofort sehen. Und hören.“ Meine Nervosität nahm zu. Wenn eine Vampirin guter Hoffnung war, dann war das für sich schon eine Sensation. Durchschnittlich wurde ein Vampir im Zeitraum von vierzig Jahren geboren. Und das war nicht die Zählung des Goldenen Reichs, sondern die des gesamten von Vampiren bewohnten Landes. Aber wenn eine Königin schwanger wurde, den Thronfolger unter dem Herzen tragend …
„Ja, das werden sie. Und es wird Hoffnung schenken.“ Cyrus nahm meine Hand, hob sie an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf. „Es wird dem ganzen Volk Hoffnung schenken.“
„Den Vampiren … vielleicht. Aber die meisten sähen uns lieber abgesetzt. Und wenn wir ehrlich sind, dann wünschten sich die Menschen nichts lieber als den Tod aller Blutsauger, Cyrus. Wem wollen wir etwas vormachen? Wer wird darin Hoffnung sehen?“ Doch wohl eher eine Möglichkeit, uns zu bedrohen und uns somit vom Thron zu stürzen.
„Wichtig ist vorerst nur das Volk der Vampire. Die Menschen werden Zeit brauchen, um sich an ihr neues Leben zu gewöhnen und daran, dass wir es mit den Gesetzen zu ihren Gunsten wirklich ernst meinen.“ Er lächelte mir zu. Und küsste meinen Handrücken. „Komm, gehen wir hinein.“
Cyrus stieß die Tür auf und ließ mir den Vortritt. Ich ging hinein, die Tür schloss sich hinter mir wieder. Graf Targes und Dreidolch, sowie die beiden Berater Herzog Mir und Baron Loich saßen allesamt am Tisch, die Blicke unverwandt auf uns gerichtet.
Ich blieb stehen; blickte in die Gesichter, vor deren Reaktion ich mich, wenn ich ehrlich mit mir war, fürchtete. „Verzeiht uns unsere Verspätung. Unser Rückweg wurde leidlich in die Länge gezogen.“
Es war still. Alle Augen waren auf uns gerichtet und alle Minister und Berater schwiegen. Sie hörten es. Ich war mir sicher, dass sie es hörten. Denn sie sahen alle mich an und auf ihren Gesichtern erkannte ich Überraschung, Unglauben und dann … lächelten sie. In Targes‘ Augen entdeckte ich gar einen feuchten Schimmer.
Bevor einer von ihnen etwas sagen konnte, ging die Tür erneut auf und Gilead kam herein. „Verzeiht meine Verspätung, ich…“ Er hatte sich tief vor uns verbeugt, während er sprach. Doch nun kam kein Wort mehr über seine Lippen. Seine Augen wanderten von meinem Bauch zu meinem Gesicht, spiegelten grenzenlose Freude und … Trauer? „Oh, Götter!“, stieß er aus und sank vor mir auf ein Knie.
Nun kam auch Bewegung in die anderen Männer. Sie standen auf, traten auf uns zu und beugten ebenfalls das Knie. Vor mir. Sie knieten nur vor mir!
Cyrus nahm meine Hand und lächelte mich stolz an. „Ja, die Königin ist guter Hoffnung und seit rund zehn Monaten schwanger. Wir bekommen in zwei Jahren einen Thronfolger.“
Blut schoss mir in die Wangen, während meine Hände ihren Weg zu meinem Bauch fanden. „Ja …“ Worte fand ich keine. „Äh, welch … Geschenk der Götter.“ Ich schluckte. Meine Güte. „Erhebt Euch. Und lasst uns beginnen. Die Reise war anstrengend und lang. Es gibt viel zu berichten.“
„Aber …“, wandte Herzog Mir ein.
Cyrus nickte und drückte meine Hand. „Erlaubst du uns eine Tradition aus den Ostlanden?“
Überrascht sah ich auf. „Äh, ja? Sicher …“
Mein Gemahl nickte Herzog Mir zu. Dieser biss sich in den Finger und ließ ein paar Tropfen Blut zu Boden fallen. „Vor diesen Zeugen schwöre ich, dass ich dieses Kind und die Mutter, die es trägt, mit meinem Leben schützen werde.“ Der Herzog legte seinen blutigen Finger auf meinen Bauch. „Ich schwöre, dieses Leben zu achten, zu ehren und zu lieben; im Mutterleib, sowie danach, bis zur Vollendung der Reife.“ Nun nahm der Herzog seinen Finger weg und legte seine Stirn auf meinen Bauch. „Ich schwöre, dieses Kind vor Unheil zu bewahren, es zu schützen und zu behüten, als wäre es mein eigenes.“
Der Herzog erhob sich wieder. Ein wenig Blut klebte an seiner Stirn. Lächelnd trat er zurück und nickte mir zu.
Ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich das deuten sollte. Ein Treueschwur … seiner Königin und dem Thronfolger gegenüber? Oder das Angebot, sich als Pate zur Verfügung zu stellen vielleicht? So oder so war ich gerührt. „Ich danke Euch, Herzog Mir.“ Leicht zitternd drückte ich Cyrus‘ Hand.
Auch Baron Loich bat darum, diesen Schwur leisten zu dürfen, was ich ihm erlaubte. Und auch Gilead sank danach auf ein Knie. „Ich komme nicht aus dem Osten, aber ich möchte ebenfalls diesen Eid leisten, wenn Ihr erlaubt, Majestät.“
Ich schluckte schwer. Natürlich durfte er! Auch wenn ich noch immer nicht so recht um die Bedeutung verstand. Aufgrund starker Zweifel meiner Stimme gegenüber entschied ich mich, lediglich zu nicken. Die Lippen hatte ich ergriffen zusammengepresst.
Die beiden Minister, Targes und Dreidolch, standen mittlerweile ebenfalls vor mir und Graf Targes ergriff das Wort. „Eine schöne Tradition. Auch ich will dem Ungeborenen meine Treue schwören. Auch ich werde es mit meinem Leben verteidigen.“ Mit einer tiefen Verbeugung und einem Handkuss besiegelte er den Schwur.
Und obwohl Graf Dreidolch nicht kämpfen konnte, sprach er ebenfalls die Worte. „Meine Treue und Verbundenheit gehören neben dem König und der Königin auch dem Thronerben. Ich werde dieses Kind lieben, unterstützen und immer für es da sein, wenn es mich braucht.“
Ich schniefte leise. „Das … das ist sehr lieb von euch allen.“ Meine Stimme zitterte. „Ich …“ Ich schaute zu Cyrus. „Wir danken euch.“ Ich hatte die Befürchtung, dass meine Beine mich nicht mehr sehr lange tragen würden, sodass ich mich schnell bei Cyrus einhackte und mich an ihn anlehnte.
Cyrus lächelte glücklich zu mir hinunter. „Daran kann ich mich nur anschließen“, sprach er, die Stimme tief und ruhig, „Wir sind euch ausgesprochen dankbar.“
Cyrus führte mich zu unserem Platz, zog meinen Stuhl heraus und half mir mich zu setzen. Danach ließ er sich neben mich nider und die Männer taten es uns gleich. Mein Gatte sah jeden Minister und Berater kurz an. „Was haben wir verpasst?“
Kurz herrschte bedrückte Stille, ehe sich Graf Dreidolch unserer erbarmte. „Die gute Nachricht ist, die Staatskasse läuft wieder autonom. Zwar auf Sparflamme, aber wir sind nicht mehr von Seiblings altem Vermögen abhängig. Was Bündnisse anbelangt, so haben wir gute Beziehungen zum Osten und Norden.“ Seine Mundwinkel wurden verkniffen. „Vom Süden habe ich seit wenigen Monaten nichts mehr gehört. Es sind keine Berichte mehr eingegangen.“
Ich nickte, die Stirn leicht gefurcht.
Weiter ging es mit Targes. „Zunehmend überfallen Banditen die Handelsstraßen. Anschläge auf kleinere Handelsstädte des Goldenen Reiches wurden verübt, noch aber keiner mit Erfolg. Keine der Städte wurde eingenommen. Der Handel aber markant geschwächt. Händler und Bauern weigern sich, lange Strecken zu fahren.“
„Ich habe mich den Belangen der Stadt angenommen“, erklärte Herzog Mir. „Das Goldene Reich produziert kaum selbst irgendwelche Güter. Es gibt keinen Export und der Import wird durch die brenzlige Lage zunehmend schwerer. Nahrungsmittellieferanten werden auf den Handelswegen überfallen oder wagen den Weg schon gar nicht mehr. Die Menschen hungern bereits, die Vampire müssen rationieren.“
Loich nickte Mir zustimmend zu. „Der Handel steht praktisch still.“
„Und den Menschen“, setzte Gilead an, „geht es schlechter als je zuvor. Ich habe zwar in Absprache mit Graf Dreidolch und dem vorhandenen Budget Orte errichtet, in denen die rationierten Vorräte ausgegeben und verteilt werden, aber wir haben zu wenig. Das Gold ist nicht länger das Problem. Zwar werden Speisen zunehmend teurer, doch wenn kein Korn mehr da ist, bringt auch Gold nichts mehr.“
Herzog Mir fügte hinzu: „Momentan überlebt die Stadt vor allem durch die Jagd. Aber es ist Brutzeit. Wenn wir zu viel jagen, laufen wir Gefahr, die Tierpopulation vollkommen auszulöschen.“
Ich nickte bedächtig. „Was Angriffe auf Stände angeht, muss ich widersprechen. Auf der Reise hierher, etwa fünf Tagesritte in Richtung Osten, wurde ein großes Dorf der Menschen vollkommen niedergebrannt. Die Menschen, die sich in den Häusern versteckt haben, starben in den Flammen und jene, die versucht haben zu fliehen, wurden feige von hinten erstochen.“
Bestürzte Blicke wurden getauscht. Graf Targes war der Erste, der wieder sprach. „Hunger treibt die Menschen zum Äußersten. Und leider gibt es auch Menschen, die einfach bloß die Gier antreibt.“
Mein Gatte nickte. „Wie steht es um Angriffe von Aufständischen? Gab es da etwas?“
Der Graf schüttelte den Kopf. „Nein, keine Aufständen mehr. Dennoch herrschen Unruhen, weil die Lebensmittel rationiert wurden.“
„Werden Palast- und Stadtwache noch ausreichend versorgt?“
„Ja, das führt dazu, dass jeder zweite Mann sich der Stadtwache anschließen will.“
Die Diskussion lief über Stunden hinweg. Lösungsvorschläge wurden gebracht, ausdiskutiert und wieder fallen gelassen. Als wir zum Beschluss kamen, die Sitzung am morgigen Tag weiterzuführen, hatte dieser bereits seine ersten Stunden getan.
Müde lehnte ich mich an Cyrus an und versteckte mein Gesicht an seiner Brust. Minister für Minister verließ den Saal – den Geräuschen nach.
„Komm, gehen wir zu Bett“, flüsterte Cyrus an meiner Seite und half mir, aufzustehen. Seine Stimme wurde ernst. „Gibt es noch etwas zu besprechen, Seibling?“
„Ich würde gern mit der Königin unter vier Augen reden, wenn Ihr erlaubt, Majestät.“
„Wenn sie es wünscht“, erwiderte mein Gemahl steif. Nun ruhten beide Augenpaare auf mir.
„Ja natürlich, geh du ruhig vor, Cy.“ Ich löste mich von ihm und sah zu Gilead, welcher geduldig wartete, bis Cyrus den Raum verlassen hatte.
Gilead atmete tief durch und musterte mich dabei eingehend. „Geht es dir gut?“
Ich nickte. „Soweit? Ja.“ Ich zog meine Augenbrauen tiefer in mein Gesicht. „Was bedrückt dich, Gilead? Ich sehe es dir an.“ Zögerlich trat ich einen Schritt auf ihn zu und hob dabei die Hand. Gerade noch rechtzeitig fand ich wieder zu mir und zog sie zurück. „Wie geht es Lyss?“
„Sie hat manchmal Albträume und redet von einem Kind …“ Gilead verzog traurig das Gesicht und schüttelte den Kopf. „Ihr seid lange fort gewesen. Gab es Probleme? Hat er dir etwas angetan?“
Ich presste die Lippen aufeinander. „Dass Lyss von einem Kind redet, liegt daran, dass sie eines hatte.“ Meine Hände auf dem Bauch liegend, konnte ich erst jetzt auch nur annähernd nachempfinden, wie sie sich fühlen musste. Ihr war genommen worden, was mir geschenkt worden war. Und sie wusste es nicht einmal.
Ich schluckte schwer und schüttelte den Kopf. „Aber nein, er hat mir nichts getan. Probleme gab es hingegen zur Genüge …“ Ich seufzte. „Der eigentliche Grund unserer Reise war eine Trennung … der Versuch, das Band zwischen uns zu lösen. Und du glaubst es nicht, ich hätte nur zugreifen müssen. Aber es hat sich inzwischen so viel geändert …“ Ich schaute auf meinen Bauch hinab. „Es ist so viel passiert.“
„Aber sie hatte kein …“ Gilead brach ab. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Du hättest auf die Trennung bestehen müssen, Naya! Nach allem, was er dir angetan hat, hättest du es machen müssen! Das Kind kannst du auch ohne ihn aufziehen!“ Seine Stimme wurde lauter, eindringlicher. „Ein Kind, das du nicht wolltest, Nayara! Du wolltest noch kein Kind!“
Ich senkte den Kopf und wich zurück. „Er hat uns gerettet. Und sich für alles entschuldigt. Es macht es nicht ungeschehen, aber …“ Ich biss mir auf die Lippe. Tränen sammelten sich in meinen Augen. „Weißt du noch, als du mich damals gefragt hast, ob ich Liebe kenne?“ Gilead hob bloß die Augenbrauen und wartete. Ich atmete zittrig aus. Vorsichtig hob ich meinen Blick und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen, die mich einst derart beruhigten. „Er hat mir schon so einiges gestohlen …“ Meine Jungfräulichkeit, meinen ersten, freiwilligen Kuss – daraufhin hatte er mich geschlagen. Und mein erstes Mal gemeinsam mit einem Mann in einem Bett zu liegen und neben ihm aufzuwachen … „Zuletzt mein Herz.“
Meine Worte schienen Gilead nicht wirklich zu erfreuen, denn seine Lippen bildeten einen schmalen Strich. „Lieben bedeutet nicht, etwas zu stehlen, Naya. Liebe bedeutet, dem anderen etwas zu schenken. Wenn er also nur nimmt und nichts gibt, dann ist es keine Liebe. Nicht von seiner Seite aus.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, so ist es nicht.“ Ich trat wieder näher an meinen ehemaligen Liebsten heran, wusste aber nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten sollte. „Meine Beziehung zum König steht hier nicht zur Debatte, Gil. Mag sein, dass die Entscheidung, ihm nach alledem zu vertrauen, töricht ist. Er hat Fehler gemacht, unverzeihliche, aber was ist ein Leben, wenn man es damit verbringt, anderen zu zürnen?“ Sanft legte ich meine Hand an seine Wange.
Gilead schnaufte. „Hat er dir gesagt, dass er dich liebt, Nayara? Hat er diese Worte ausgesprochen?“
„Ebenso wenig wie ich.“ Ich ließ die Hand fallen und seufzte. „Ich danke dir, Gilead. Für all die Zeit, in der du Hoffnung für mich bedeutet hast.“ Eine Träne rann meine Wange hinab. „Vermutlich war es sogar der Gedanke an dich, der mich zu dieser Zeit am Leben erhalten hat.“ Es zu leugnen, wäre frevlerisch. „Und ich gestehe, so manches Mal habe ich mir gewünscht, du wärst es gewesen, der mich statt seiner zur Frau genommen hätte.“ Ich trat einen Schritt zurück. „Aber deine wahre Liebe war niemals ich.“ Ein leises Seufzen entwich meiner Kehle. „Auch wenn es Zeiten gab, da hätte ich es mir gewünscht. Doch jetzt …“ Versonnen blickte ich hinunter zu meinem Bauch. „Die letzten Monate waren wunderschön. Sie waren so, wie ich mir ein Leben immer gewünscht habe. Fernab der Krone. Nur die Zeit wird zeigen, ob Cyrus und ich auch hier im Schloss bestehen werden.“
„Als wir uns näher kennenlernten, war ich bereit, Lyssa gehen zu lassen. Ich war bereit, sie zu vergessen, um dich zu lieben.“ Gilead legte eine Hand an mein Kinn. Kurz darauf berührten seine Lippen sanft die Meinen. Nach wenigen Sekunden zog er sich zurück. Seine Augen glänzten. „Aber du hast dich entschieden.“ Er drückte mir einen schnellen Kuss auf die Stirn, dann wandte er sich ab und schritt auf die Tür zu.
Eine Sekunde stand ich fassungslos da. Er hatte recht. Mein Herz hatte entschieden, auch wenn es auf dem Weg hierher mehr als einmal ins Schwanken geraten war. Mehr als einmal beinahe zerbrochen war. Aber konnte man wirklich nur einen Menschen lieben? Denn Liebe fand ich auch für Gilead in meinem Herzen. Nur anders.
Ehe er die Tür erreichte, setzte ich ihm nach, bekam ihn am Arm zu fassen, drehte ihn zu mir um und umarmte ihn fest. Erst nach mehreren Momenten schlang auch er seine Arme um mich, zog mich näher an seine Brust und legte sein Kinn auf meinem Scheitel ab. Hörbar schnaufte er aus.
Tief atmete ich ein und musste lächeln. Sein Geruch beruhigte mich immer noch. Die Augen geschlossen und einfach den Augenblick genießend, genoss ich die Nähe zu dem Mann, der mir auf meinem Leidensweg stets treu zur Seite gestanden, mich nie aufgegeben und mich immer wieder aufgebaut hatte, wenn ich gebrochen war.























































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