Kapitel 38
Mit einem bitteren Geschmack des Verrats beobachtet Skyla, wie Milan das Haus verlässt. Fast sehnsüchtig wartet sie darauf, dass er sich umdreht und es sich anders überlegt. Doch zu hoch sind ihre Erwartungen. Ein Moment, der Skyla frustet und glauben lässt, den größten Fehler ihres Lebens gemacht zu haben, indem sie sich auf ihn einließ. Es ist Lukas, den sie sich in diesem Augenblick wünscht. Sie sehnt sich nach einer festen Umarmung ihres besten Freundes. Skyla ist nach Weinen zumute. Wäre da nicht Milans ungenießbarer Mitbewohner, der ihre Schwäche unter keinem Fall auskosten darf. Justin wartet sicher darauf, dass ihre Mauer fällt, um sie mit bissigen Kommentaren niederzumachen. Also schluckt Skyla den Kloß hinunter und konzentriert sich auf einen Crashkurs zur Selbstverteidigung gegen böse Geister.
Wie sich herausstellt, hat sich Justin von der Abschiedsszene abgewandt und kümmert sich um die Vorbereitungen. Er versetzt die Tasse auf den Aktenschrank und räumt den kleinen Tisch zur Seite, sodass sie genügend Platz für die Nahkampfübungen haben. Dabei ignoriert er immer noch Kai, der im Käfig feststeckt und lautstark darauf besteht, herausgelassen zu werden. Seelisch wappnet sich Skyla für das kommende Training. Von allen verlorenen Seelen muss es ausgerechnet Milans ungenießbarer Mitbewohner sein, der ihr weiterhelfen kann.
Statt doof rumzustehen, nähert sie sich Justin. „Kann ich dir irgendwo bei helfen?“
Der Geisterjäger dreht sich zwar um, aber schweigt. Stattdessen mustert er sie, woraufhin Skyla die Arme verschränkt und beleidigt ihre Wangen aufbläst.
„Gut, schweige mich an!“, brummt sie und ignoriert Kai, der wie ein Wasserfall auf sie einspricht.
Endlich öffnet Justin seinen Mund, denn er möchte wissen: „Hast du irgendwelche Erfahrungen im Kampfsport?“
„Nun ja, ich kann Messer schmeißen und dann sehen wir mal, ob ich treffe“, kommt sie ihn mit Sarkasmus.
„Es ist nicht viel, aber deine Arme sind muskulös.“
Skyla blickt zu sich hinab und grübelt laut: „Nun ja, vielleicht weil ich Eischnee oder Sahne schlage.“
Kaum seufzt Justin, bleckt Skyla ihre Zähne. „Entschuldige, der Herr! Ich schwinge den Kochlöffel und habe keinen Gürtel in Karate!“
Mit einem müden Nicken fordert Justin sie auf, anzugreifen. Zuerst zögert Skyla, bis sie sich daran erinnert, dass er sie getreten hätte, wenn Milan nicht dazwischen ging. In ihrem Kopf ruft sie die Lieblingskampfszenen von ihren Animehelden auf. Ein frontaler Angriff mit den Fäusten. Leider geht ihr Plan schief, denn es ist zu offensichtlich für ihr Gegenüber. Justin muss sich nicht mal großartig bewegen, um ihr auszuweichen. Er packt sich ihren Arm und hält diesen gefangen. Ein ungutes Gefühl macht sich bei ihr breit, als seine Brillengläser verdächtig aufblitzen. Eine schmale Lauchstange wie er schafft es tatsächlich ohne große Anstrengung, Skyla mit einem festen Griff über sich zu schmeißen. Es geht schnell und ähnelt einem Looping in der Achterbahn. Nur mit dem Unterschied, dass sich die Landung schmerzhafter anfühlt. Skyla kann von Glück reden, dass die Räumlichkeiten zu karg eingerichtet sind. Es befindet sich nichts vor Ort, was ihr hätte gefährlich werden könne. Dennoch liegt sie auf dem Boden und sieht Sterne.
Als sich Justin über Skyla beugt und sein Blick mehr als tausend Worte seine Enttäuschung ausdrückt, melden sich zum einen der Frust und zum anderen die Neugier, woher er da alles kann.
„Sag mal, warst du Soldat?“
Er bestraft sie mit Schweigen und beäugt sie mürrisch. Solange, bis sein Geduldsfaden reißt.
„Willst du dort Wurzeln schlagen?“
„Sag mir erst, woher du das alles kannst.“
Stumm reicht Justin ihr die Hand, doch Skyla bleibt stur liegen und begutachtet die magere Deckenbeleuchtung – eine einzelne Glühbirne. Trostlos und einsam.
„Wozu, Skyla?“
Ah, er redet.
„Um dich besser zu verstehen!“
Justin belächelt ihre Forderung, als wäre es die seltendämlichste Idee, die er je gehört hat.
„Zuerst musst du dich beweisen! Zeig mir, ob du dieses Training ernst meinst! Denn das hier wird deine Zukunft bestimmen und kann dich retten, wenn es hart auf hart kommt.“
Skyla brummt mürrisch als Antwort. Er mag recht haben und doch sind die Aussichten auf einen Sieg nicht gerade berauschend. Geduld ist nicht Justins Stärke, so greift er hinab und packt sie grob am Oberteil. Ein einziger Ruck und schon wird Skyla hinauf gerissen. Sie taumelt verdächtig, aber findet ihr Gleichgewicht. Mit klopfendem Herzen steht sie unsicher auf ihren Beinen, dreht sich um und entkommt knapp Justins Faust. Ein Moment, wo all ihre Sicherungen durchbrennen und das Adrenalin den Rest erledigt. Wie ein Tier stürzt sie sich auf die Brillenschlange. Bereit zu beißen, zu kratzen und auf ihn einzutrommeln. So stürzen die beiden auf den Boden, wo binnen von Sekunden ein Machtwechsel stattfindet. Mit nur wenigen Handgriffen hat er Skyla so weit, dass sie sich vor Schmerzen nicht bewegt. Dabei liegt er halb auf ihr. Die eine Hand umfasst ihre Schulter und mit der anderen hält Justin ihren Arm gefangen.
„Würdest du mir bitte erklären, was das gerade eben war?“
Noch immer klingt er kühl und seine Atmung ist völlig normal. Anders als bei Skyla, die nach Luft ringt.
„Entschuldige, ich weiß gar nicht, was mit mir los war.“
Es beschämt das Medium, so durchgedreht zu sein.
„Mhm.“ Justin lässt von ihr ab und hilft ihr auf. „Laut deiner Akte stecktest du oft in Auseinandersetzungen zu anderen Schülern. Eine aktive Rolle. Viele Schlachten, die dich anscheinend nichts lehrten. Enttäuschend.“
Durchleuchtet zu werden fühlt sich wahrlich mies an. In der Tat prügelte sich Skyla viel. Das Geschlecht spielte keine Rolle. Aber all der Ärger kam nur dann, wenn es um Lukas ging. Wenn ihr Kindheitsfreund geärgert oder bedroht wird, schaltet sich der Kopf aus und eine neue Seite von ihr kommt ans Licht. Nichts, was sie sich zu jenem Moment zu Nutze machen könne.
Ihr Schweigen nutzt Justin zum Umdenken, schließlich trifft er einen Beschluss.
„Ich schlage vor, dass ich dir ein bisschen helfe. Nehmen wir an, du willst deinem Gegenüber einen Kinnhaken verpassen, ist es wichtig, den Daumen über die Knöchel zu legen. Wenn du deine Schulter leicht eindrehst, dann steckt hinter deinem Schlag mehr Kraft.“
Kaum spricht Justin zu Ende, begibt er sich zum Aktenschrank. Dort liegt im unteren Fach quer ein Boxsack, den Milans Mitbewohner hervorholt. Ein Wurf und es rasselt verdächtig. Erschrocken blickt Skyla hinauf zur Decke, wo ein Hacken mit Kettenband feststeckt. Justin zieht an diesem und überprüft, ob das Gewicht ohne Bedenken aufgehängt werden kann. Unbegreiflich für Skyla.
Er winkt sie an sich heran und geht mit ihr einige Techniken durch. Dabei vergisst Justin gern, dass Skyla ein Mensch aus Fleisch und Blut ist und kein Roboter. Um den Kampfstil zu verinnerlichen, wird etwas Zeit vergehen müssen. Sein strenger Ton und das Auflisten ihrer Fehler sorgen für schlechte Laune. Zu Justins abartiges Talent gehört das ständige Kritisieren. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe führt er ihr all die Schwächen ihrer Techniken vor Augen. Er muss nur den Mund öffnen und schon bekommt Skyla Aggressionen. Die Warmups enden und es geht richtig zur Sache. Sie stürzt in sämtlichen Positionen zu Boden und steckt Tritte und Schläge ein. Der kalte Boden wirkt immer mehr einladend und kuschelig. Ihr Körper läuft auf Hochtouren. Sie schwitzt aus allen Poren und hört ihr Blut rauschen. Es ist der winzige Teil Ehre, der dafür sorgt, dass sich Skyla immer wieder auf die Beine kämpft, statt am Boden liegen zu bleiben. Ein Höhegefühl von kurzer Dauer begleitet das Medium, als sie das Steh-auf-Männchen mit erhobenem Haupt spielt. Nicht bereit, Schwäche zu zeigen. Nicht bei einem Kerl wie Justin. Selbst dann, wenn sie das Bewusstsein verliert.
Als steckt Skyla in einer Zeitschleife fest, wirkt kein Ende in Sicht. Dieses Training fordert eine eiserne Ausdauer. Justin macht keine Anzeichen von Müdigkeit. Noch immer kämpft er, als wärme er sich gerade erst auf. Dabei steht fest, lange wird sie nicht mehr durchhalten. Ihre Beine sind weich wie Pudding und ihr Stand alles andere als sicher. Es fühlt sich an, als wird Skyla einmal durch den Fleischwolf gedreht. Am Ende bleibt nur ein Häufchen Elend über. Zu ihrem Bedauern blockt Justin jeden ihrer Angriffe, um sie kurz darauf auszuteilen. Seine Konter sind einfache Handgriffe mit großer Wirkung. Sein Ellbogen zum Beispiel schnellt immer wieder von oben hinab und setzt ihren Arm wie ein Hammer außer Gefecht. Oft befindet sich sein Bein hinter ihrem und sie gerät dadurch ins Straucheln. Justin bewegt sich schnell und flink. Oft bekommt Skyla nicht mit, wie er sich hinter oder neben sie schleicht. Ohne Bedenken nimmt er sie in den Schwitzkasten. Dieser Mann verlangt das Unmögliche von ihr, als er fordert, sie soll sich seine Bewegungen einprägen. Schließlich gibt dieser Kerl ihr überhaupt keinen Hauch von einer Chance, einmal auszuteilen.
Erleichtert atmet Skyla aus, als Milan, seine Rückkehr verkündet. Justins Mitbewohner hat an sie gedacht und bringt ihr eine kühle Wasserflasche vorbei. Zu seinem Bedauern vergisst Skyla nicht so schnell, schließlich hat dieser Kerl sein Versprechen gebrochen und sich vom Acker gemacht. Aufgrundessen darf Milan erst mal einen bösen Blick ernten. Wäre ihr durch die Übungen nicht so warm, hätte sie die Wasserflasche auch abgelehnt. Aber eine Erfrischung ist genau das Richtige, was Skyla braucht. Bevor sich Skyla dem Trinken zuwenden kann, findet Milans Hand Halt an ihrer Wange.
Sofort blickt sie ihm in die Augen und lauscht seinen Worten: „Verzeih mir, aber Justin hat gar nicht so Unrecht. Ich kann Hilferufe in meiner Branche nicht einfach ignorieren. Als Wiedergutmachung helfe ich dir mit diesem Training. Ich kann dir einige Bewegungsabläufe zeigen und ich werde mehr Rücksicht auf dich nehmen, denn ich weiß zu gut, was du nun durchmachst. Ich war auch eine lange Zeit frustriert, schließlich habe ich lange gebraucht, um überhaupt einmal austeilen zu können.“
Allein zu wissen, dass Milan ebenfalls an diesen Techniken verzweifelt, lindert den Frust. Denn für einen Moment hielt sie sich talentfrei und ungeschickt.
„Ehrlich gesagt, reicht es mir für heute. Ich bin nicht in der Stimmung, um nach Thailand zu reisen“, ist Skyla ehrlich mit ihm.
Damit gibt sich der Geisterjäger nicht zufrieden. Milan setzt das charmanteste Lächeln auf, was er besitzt. „Du würdest deine Entscheidung bereuen. Nimm meine Hand und wir verlassen diesen schrecklichen Ort und lassen uns von dem Fest verzaubern. Dort kannst du deine Herzenswünsche loswerden und für einen Moment vergisst du all deine Sorgen. Unser letztes Date hast du doch auch nicht bereut oder? Ich weiß, dass du neugierig bist, also lass dich nicht demotivieren. Du lernst sicher schnell und du selbst sagtest doch, dass du Justin die Sache bereuen lassen wolltest, weil du ihn überbieten möchtest. Also werde ich dich immer dann motivieren, wenn du frustriert bist.“
„Vergesst den Bären nicht“, mischt sich Justin ein.
Genervt sieht Skyla zu dem beleidigten Kai, der ihnen den Rücken gekehrt hat. Seine lästigen Beschwerden und Aufforderungen sind zum Glück verstummt.
„Garantiert laufe ich nicht mit so einem Plüschbären rum! Ich bin kein Kind mehr! Kann man den Bären nicht irgendwie schrumpfen?“
Ihre Aufregung wird von Justin belächelt und statt zu spotten, begibt er sich zum Käfig. Grob und unbarmherzig wird der Dämon mit einem Ruck hinausgerissen.
Kai reagiert dabei mit Zorn und Lautstärke. „Was fällt dir ein?“
„Du nörgelst auch nur rum!“ Justin betrachtet ihn genervt. „Kannst du dich schrumpfen lassen?“
„Möglich!“
Es ist eine pampige Antwort, die dafür sorgt, dass Skyla ihre Augen rollt. Für so etwas fehlen ihr die Geduld und das Feingefühl.
„So nehme ich dich nicht mit mir!“, versichert sie ihm.
Kai wirft ihr einen beleidigten Blick zu. „Sieh an, meine Meisterin kann ja plötzlich mit mir sprechen!“
„Schrumpfe!“, verlangt Skyla.
„Nö!“
Sie baut sich auf und macht einen Schritt auf den Bären zu, der plötzlich violett leuchtet. „Ich sagte, du sollst schrumpfen!“
Kai macht große Augen, als er sich in einen kleinen Schlüsselanhänger verwandelt, den Skyla zufrieden aufhebt.
„Wie gemein! Das ist ein wirklich schlechter Start, meine Königin! …“
Skyla sieht überrascht zu einer Rolle Klebeband, die zu ihr schwebt. Die kommt wie gerufen. Glücklich reißt sie ein Stück ab und klebt dem Bären den Mund zu.
Milan ist alles andere als begeistert. Besorgt rät er ihr davon ab: „Du solltest aufhören, nach Gegenständen zu rufen, Skyla. Das könnte dich auf Dauer in Schwierigkeiten bringen.“
„Geht der Bär dir etwa nicht auf die Nerven?“, fragt sie ihn mit hochgezogener Augenbraue.
„Du hast schnell Gefallen an deinen Kräften gefunden“, spricht er besorgt darüber.
Skyla sieht überrascht auf, denn der Geisterjäger hat ja schon Recht.
Sollte sie sich nicht ein wenig Sorgen um die Folgen machen?
Und überhaupt, woher kommen das Klebeband und der Filzstift her?
Mia landet genervt auf Milans Schulter. „Viel Zeit bleibt euch nicht mehr.“
„Wollen wir aufbrechen?“, richtet Milan seine Frage an Skyla, die ihn mit hochgezogener Augenbraue ansieht.
„Siehe mich mal an, Milan. Ich bin völlig verschwitzt. Ich würde gerne vorher duschen und ich muss mich umziehen. Nein, sag nichts! Wenigstens ein neues Oberteil! Lass mich überlegen!“
Eine halbe Umdrehung und schon ist Justin anvisiert und gescannt. In ihrem Kopf rattern bereits die Zahnräder und schnell ist eine Lösung gefunden. Alles dank ihrer Klassenkameradin Emilie, die aus einfachen Modestücken hinreißende Looks zaubern kann.
„Ich brauche ein Hemd von dir, daraus mache ich mir ein Kleid.“
„Abgelehnt!“, spielt Justin die Spaßbremse.
„Och komm schon! Ich musste mich von dir in den Schwitzkasten nehmen lassen. Also leihe ich mir jetzt ein Hemd von dir! Das finde ich nur gerecht!“
Milan fällt die Kinnlade hinunter, als Justin erneut nachgibt. Sein Mitbewohner lässt sie kurz allein und kehrt mit einem weißen Hemd zurück, was er Skyla vor die Nase hält.
„Wiedersehen macht Freude“, betont er mit Nachdruck.
Augenrollend nimmt sie dieses entgegen.
„Und wo ist die Dusche?“
„Oben, die erste Tür, wenn du die Treppe verlässt“, antwortet Justin ihr kaltherzig.
„Die Zeit drängt!“, knurrt Mia sie an.
„Jaja! Ich beeile mich ja schon!“, verspricht Skyla und macht sich auf die Suche nach der Treppe.























































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