Kapitel 39

Schnell ist das kleine Badezimmer gefunden. Ein hell gefliester Raum, dessen gesamte Oberflächen vor Sauberkeit glänzen. Auf den Bodenplatten findet Skyla sogar ihr Spiegelbild. An jenem Ort tritt der Geruch nach Putzmittel besonders stark auf. Vergebens sucht sie nach einem Schmierfleck in dem lichtdurchfluteten Raum.
Justin hat wahrlich einen Sauberkeitstick!
Neugierig begutachtet sie fünf mystische Flaschen auf einem gläsernen Regal vor einem kleinen Spiegel. Jedes Glas hat eine besondere Form und Farbe. Ein Apfel mit weinrotem Inhalt. Ein giftgrüner Totenkopf. Zwei Hände, die ineinander gehen mit fliederfarbenem Gebräu. Eine schwefelfarbene Schlange. Eine tintenschwarze Rose. Jedes Glas wurde hochwertig verarbeitet. Die Behälter bestehen aus glänzendem Kristall und weisen filigrane Details auf. Wie zum Beispiel Schuppen bei der Schlange. Perfekte Rundungen der Formen beeindrucken Skyla. Fünf Flaschen mit seltsamem Inhalt, der ihre Neugier und gleichzeitig ihr Misstrauen weckt. Beim Gedanken, einen Behälter zu öffnen, kribbelt es verdächtig in den Fingern. Ihr Gewissen ermahnt sie und zählt ihre mögliche Folgen auf. Und doch fällt es Skyla so schwer, sich davon wegzudrehen. Zögernd geht das Medium dem Wunsch nach einer warmen Dusche nach und bedient die Temperaturregler, nachdem sie sich aus den verschwitzten Sachen schälte.

Nach der Dusche arbeitet Skyla an ihrem neuen Outfit. Aus dem Hemd zaubert sie sich ein hübsches Kleid, wobei die Ärmel um ihre Taille geschnürt werden und eine ansehnliche Schleife ergeben. Würde das Outfit nicht so kurz ausfallen, aber zum Glück hat sich Skyla heute Morgen für eine schwarze Leggings entschieden. Ihre Haare sind schnell trocken geföhnt, sodass in wenigen Minuten wieder unten ist. Gerade angekommen, fällt ihr ein, dass sie ihr Oberteil auf dem Badezimmerboden liegen gelassen hat.
Es ist Justin, der sie grimmig aus ihren Gedanken reißt. „Das wirst du mir bügeln!“
Skyla lächelt unschuldig, denn Bügeln gehört nicht gerade zu ihren Stärken. Um ihre Arbeitskleidung kümmert sich schließlich immer ihre Mutter.
„Ich gebe mein Bestes, aber habe nicht zu große Hoffnungen.“
Justin blickt, als verzweifele er an ihr. „Am Ende muss ich mich eh darum kümmern.“




Da könnte er ihrer Meinung nach sogar recht haben. Skyla hätte zwar noch die Möglichkeit, sein Hemd an ihre Mutter weiterreichen, aber dann würde ein langes Frage-Antwort-Spiel folgen. Denn Mama Kacie ist eine von Natur aus neugierige Person und muss einfach alles wissen.
„Mhm“, summt sie daher unschuldig.

Neugierig dreht sich Skyla zu Milan und dreht sich für ihn. „Na, was sagst du dazu?“
„Hübsch, aber du hättest die Hose auch weglassen können“, antwortet Milan mit einem frechen Lächeln.
Wie zu erwarten. Aufgrund der Enttäuschung wird seine Aussage unkommentiert im Raum stehe bleiben, denn Skyla möchte ungern weiter darauf eingehen und dreht sich lieber zu Justin. „Ich habe mein Oberteil oben liegen gelassen. Ich hoffe, es stört dich nicht, Mr. Perfekt.“
„Hast du es zusammengefaltet und auf die Ablage gelegt?“, muss Justin einfach fragen.
Ihr unschuldiges Lächeln verrät sie und als er dann verzweifelt seufzt, gibt sie kichernd von sich: „Du bist ja verdammt pingelig.“
„Es liegt auf dem Boden oder?“
Skyla legt ihren Kopf schräg. „Vielleicht.“
Justin blickt nun hilfesuchend zu seinem Mitbewohner. „Wie hältst du das nur mit ihr aus?“
„Die Frage sollte wohl besser lauten, wie man es mit dir aushält“, kontert Milan.
„Soll ich dein Oberteil lieber direkt verbrennen?“
Eine ernstgemeinte Frage von Justin.
„Unterstehe dich! Ich liebe dieses Oberteil!“
„Würdest du dieses Stück Stoff lieben, würdest du es nicht auf dem Boden vereinsamen lassen!“

Punkt für ihn. Skyla gibt sich daher geschlagen und hinterfragt lieber ein anderes Detail.
„Ich bin neugierig. Da oben stehen verdächtig fünf Flaschen.“
Es ist Milan, der sie panisch anspricht: „Hast du sie angerührt?“
„Nein.“ Skyla betrachtet ihn mit hochgezogener Augenbraue. „Ähm… warum? Was ist das, wenn ich fragen darf?“
„Darfst du nicht!“
Eine brummige Antwort, die Skyla von Justin erwartet hat und frech ihm die Zunge ausstreckt, bevor sie erwartungsvoll zu Milan blickt. Dieser kratzt sich am Hinterkopf und weicht verdächtig ihrem Blick aus.
„Milan!“, betont sie seinen Namen, als habe er Mist gebaut.
„Schnüffel nicht so viel!“, mischt sich Justin ein.
„Es ist Gift oder?“
Mit Absicht wirft Skyla so etwas Anrüchiges in den Raum.




„Es sind Zaubertränke“, enthüllt Milan ihr daher nervös.
„Zaubertränke? Aber wofür?“
„Verführung. Einschüchterung. Silberzunge. Schutz.“ Justin hält inne und überlegt kurz. „Enthüllung.“
„Ja“, beginnt Milan zögernd. „Glück ist zu teuer.“
Justin nickt zustimmend.

Skyla blinzelt verdattert und hält dieses Gespräch für einen schlechten Scherz. „Echt jetzt? Zaubertränke?“
Milan zuckt unschuldig mit den Schultern. „Die sind halt praktisch.“
„Verführung.“ Kaum ist es ausgesprochen, weiten sich Skylas Augen. „Sag mir nicht, du hast mich mit einem Zaubertrank manipuliert.“
Justin dreht sich lächelnd weg, während Milan ihr versucht zu verklickern: „Nein, ich habe darauf verzichtet.“
„Sicher?“, flötet Justin aus der Ferne.
„Sei still! Du weißt doch, welche Nebenwirkungen die Tränke haben und ich wollte mir Skylas Herz ohne die Hilfe einer Hexe verdienen. Auf ehrliche Weise. Der Trank hätte nur Chaos über uns gebracht. Sie sind eine Starthilfe für eine einmalige Sache, das waren deine Worte, Justin!“
Sein Mitbewohner hebt entwaffnend die Hände und äußert sich belustigt dazu: „Hey, mich musst du nicht überzeugen.“
„Scheiße! Du machst Skyla schon die ganze Zeit misstrauisch! Nie gönnst du mir etwas!“

Mias Geduld endet auf einen Schlag. Die Fee kommt brummig heran geflogen. „Genug! Genug! Hier bitte das Portal!“
Skyla kann aufatmen, denn sie glaubt Milan. Tief in ihrem Inneren fleht etwas, dass er die Wahrheit sagt. So ergreift sie ihre Tasche, wo nun der beleidigte Kai angehängt wurde, schließlich greift das Medium nach Milans Hand. Überwältigt blickt der Geisterjäger ihr in die Augen, wo sie Furcht ausmacht.
„Hey.“ Es ist ein Flüstern, das ihre Lippen verlässt und ein sanfter Ton, den dieser verschmitzte Kerl vielleicht gar nicht verdient hat. „Ich will dir glauben.“
Verdächtig funkeln seine Augen. Gerührt von der zweiten Chance, die er von ihr erhält. So wird Milans Griff fester. Verdächtig beugt er sich zu ihrem Ohr hinunter, sodass sie seinen warmen Atem spürt. Ein Moment, der ihr Gänsehaut bereitet und Hitze in ihr aufwallen lässt.
„Danke.“
Seine Worte fühlen sich wie ein zarter Kuss zwischen ihnen an. Ehrlich und voller Wärme. Einfach richtig.



Der wundervolle Moment wird von Justin zerstört, denn der öffnet ihre Tasche, um dieses knallpinke Tagebuch reinzulegen. Daraufhin erntet er einen tödlichen Blick von Skyla, dieser konzentriert sich jedoch auf Milan.
Mit erhobenem Finger warnt er: „Vorsicht ist geboten!“
Sein Mitbewohner rollt die Augen. „Ich weiß! Ich kenne das Risiko!“
„Behalte die Leute im Auge! An Orten, wo sich viele Leute tummeln findest sich der Phii Lang Gluang wieder!“
Skyla blinzelt verdattert. „Der was?“
Milan antwortet zu trocken für ihren Geschmack: „Ein menschenähnlicher Geist mit offenem Rücken.“
„Offener Rücken?“
Er schüttelt den Kopf. „Frag lieber nicht. Glaube mir.“
Stirnrunzelnd betrachtet sie ihn, seine Haltung ist angespannt und erinnert sie an ein genervtes Tier, das gleich zubeißt.

„Denk dran, die Mönche sehen uns nicht gern“, erinnert Justin ihn streng.
„Genug! Siehst du nicht, wie du Skyla verunsicherst? Ich gehe nicht zum ersten Mal nach Thailand, Justin!“
„Warum?“ Skylas Frage richtet gezielt an Justin. „Was ist hier los? Welches Szenario kann schlimmstenfalls eintreffen?“
Während Milan genervt ausatmet, teilt sein Mitbewohner ihr mit: „Thailand ist voll von Geistern. Dort werden wir immer fündig.“
„Bedeutet?“
„Geister sind unser Lebensunterhalt. Wenn wir hier nicht fündig werden, dann schnappen wir uns dort einen. Die Hexen bezahlen gut für Flaschengeister“, antwortet Justin kühl.
Skyla glaubt, sich verhört zu haben. „Flaschengeister?“
Milan zuckt mit unschuldiger Miene mit den Schultern. „Solch böse und hungrige Geister lassen sich am Sichersten in Flaschen transportieren.“
Er kratzt sich verlegen am Hinterkopf und blickt auf, um noch leise hinzuzufügen: „Naja in Plastikflaschen.“
Sie verschränkt die Arme vor der Brust und versucht, streng dreinzublicken. Unmöglich bei Milans schuldbewussten Blick. So prustet sie los und ärgert die beiden mit Gelächter: „Ihr seid mir ja welche!“
„He“, bringt der süße Geisterjäger nur hervor, bevor ihre gute Laune ihn zum Lächeln auffordert.
„Ich schwöre euch, ich schließe das Portal!“, tönt Mias bissiger Tonfall zu ihnen.
Milan zwinkert seine Fee zu, bevor er Skyla freudig zur Weltentür führt.

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