Kapitel 43

Erschöpft nähert sich Skyla dem Feuer, obwohl sie lieber Distanz wahre mag. Mit einem gespielten Lächeln setzt sie sich neben ihren Schutzgeist hin und sieht ihm eine Weile dabei zu, wie er das Obst verschlingt. Allein sein abartiges Essverhalten fordert sie dazu auf, ihn mit der flachen Kante ihrer Hand auf den plüschigen Kopf zu donnern.
„Schling nicht so und mach den Mund zu beim Essen! Wärest du mein Gast, hätte ich dich vor die Tür geschmissen!“
„Ihr seid wirklich grausam…“, will der Dämon beginnen.
„Das schon wieder!“, unterbricht sie ihn erzürnt und so möchte sich Skyla am Liebsten die Ohren zuhalten.
Dies ändert sich mit einem Schlag, als der betörende Geruch sie umschmeichelt. Eine zarte Note, die weder schwer in der Luft liegt, sondern alle Anwesenden umgarnt. Die Frische durch eine Zitrone. Eine leichte Süße durch Vanille. Zwischen einer zusätzlichen Note aus Mandel oder Kokosnuss kann sich Skyla nicht entscheiden. Die Quelle ist die Blüte, die im Haar vom Nang Tani steckt. Dalika hat sich neben sie gesetzt und mit ihren angsteinflößenden Klauen legt sie Skyla ein Bündel Bananen in den Schoss. Wo sie die Früchte versteckt hielt, ist dem Medium ein Rätsel. Dalika bedient sich von dem Strunk und schält sich eine der frischen Bananen, um hineinzubeißen. Erwartungsvoll ruht ihr Blick jedoch auf ihrem Gast, der noch immer zögert und die Geduld des Geistes auf die Probe stellt.

„Du tätest gut daran, einen Bissen zu dir zu nehmen, Skyla“, reißt Dalikas Geduldsfaden.
Nun es Kai, der ihr zuflüstert: „Iss besser.“
Das Medium möchte ehrlich zu dem Geist sein und so spricht sie über ihre Bedenken: „Ich weiß zu wenig über euch beide und wer garantiert mir, dass ich das hier vertrage? Ich will dir vertrauen, Dalika. Aber kannst du mir versichern, dass mir deine Früchte wohlbekommen? Und kannst du mir versprechen, dass nur ein einziger Bissen keine Konsequenzen mit sich bringen wird?“
Der Nang Tani lächelt wissend. „Sieh an. Daher dein Zögern. Aber ihr Menschen bedient euch doch sonst so gerne an Früchten wie diesen. Ohne Gewissen verzehrt ihr diese.“
„Schon, aber für gewöhnlich werden mir Bananen in meinem Job nicht von einem Geist serviert. Und wer garantiert mir, dass dies hier wirklich da ist, was es scheint zu sein.“




Nun ist es Kai, der seinen Kopf schief legt und ihr nicht mehr folgen kann.
Die Geisterfrau hingegen scheint verstanden zu haben, wie sie mit ihrer nächsten Vermutung bestätigt: „Du glaubst also, dass ich täusche.“
„Kann ich mir wirklich sicher sein?“
„Du kannst. Nach dem ersten Bissen. Aber das würde bedeuten, du müsstest mir vertrauen. Dein Zögern verrät mir, dass du dazu noch nicht in der Lage bist.“
Skyla nickt zustimmend, denn Dalika liegt goldrichtig. „Kannst du es mir verübeln? Zumal du gerade verdächtig gelächelt hast.“
Mit einem gespielten, erschrockenen Ausdruck legt Dalika ihre Klaue an die Wange, während ihre langen Nägel schrumpfen. Kurz darauf „Oh, habe ich das?“
„Das hast du.“
„Du bist ein schlaues Kind, Skyla.“
„Eher todesmutig“, grummelt das Medium, „die Antwort hätte mich auch töten können.“
„Wie wahr“, stimmt der Geist ihr summend zu.

Es ist die plötzliche gute Laune, die Skyla misstrauisch macht. Der Nang Tani jedoch greift nach dem Strunk und lässt diesen hinter ihren Rücken verschwinden. Skyla will gerade das Gespräch beginnen, da schnellt Dalikas Hand erneut nach ihrem Schoß. Grund dazu ist ein pelziges Wesen, das Skyla aufschrecken lässt. Mit einem Ruck steht sie auf den Beinen und sucht nach weiteren Besuchern. Schließlich begab sich eine Spinne bei ihr auf eine Klettertour. Ein hellbraunes Ungetüm, giftig und sogar tödlich. Etwas, wovon Skyla bereits durch die Medien hörte und auf den Kontakt mit einer Bananenspinne verzichten will. Dalika hingegen zeigt keine Furcht, sondern Freude über den Besuch des Tieres. Ganz sanft trägt sie die Spinne zum nächsten Baum, um diese dort abzusetzen. Wie eine besorgte Mutter vergewissert sie sich, bis der unangekündigte Gast sicher fortgeklettert ist.

„Eure Angst ist zuckersüß, meine Schönheit“, meldet sich der Bär.
„Die ist giftig, Kai!“
Der Bär nickt wissend. „Ihr Gift ist tödlich.“
„Ja, ich weiß! Umso schlimmer!“
„Es gibt keinen Grund zur Sorge. Niemanden ist etwas passiert und ihr beide seid sicher“, schaltet sich der Nang Tani ein.
„Mhm. Beide sind sicher.“ Skyla starrt sie nur entgeistert an. „Aber dennoch danke.“
Dalika nimmt wieder Platz und klopft in die freie Mitte zwischen Geist und Dämon. So setzt sich Skyla erneut zwischen die beiden paranormalen Wesen.



Es ist die Blüte, die das Medium beschäftigt. „Sie duftet so stark und ist auch noch hübsch.“
Skyla deutet an die Stelle, wo das Fünfblatt thront. Geschmeichelt greift Dalika nach der Blume und nimmt diese in ihre Hände.
„Vielleicht kennst du sie unter dem Begriff Tempelblume. Sie heißt aber auch Frangipani.“
„Wunderschön.“
„Ja, das ist sie. Die schönste Blüte weit und breit.“
„Erzählt mir von deiner Art, Dalika. Ich sehe noch nicht lange Geister. Ich habe ein Notizbuch bei mir und würde gerne aufschreiben, was es über dich zu wissen gibt.“
Skylas Forderung lässt den glücklichen Ausdruck verschwinden und so werden ihre Nerven erneut auf eine Probe gestellt, denn Dalikas durchbohrender Blick ist schlimmer als der von Mama Kacie. Die Sekunden verstreichen wie Stunden und die Luft wird immer dünner. Sie traut sich kaum, zu atmen. Aber dann nach einer gefühlten Ewigkeit lässt sich der Nang Tani darauf ein. So darf Skyla ihr Tagebuch hervorholen und sich Dalikas Geschichte anhören.

Dalika kann sich an ihr menschliches Leben nicht mehr erinnern, zu viel Zeit verstrich seitdem sie über ihren Baum wacht. Als eine Beobachterin. Eher scheu und friedlich. Sofern niemand ihr Heim schadet. Hinzu kommt eine andere Sache, die den Nang Tani beschäftigt. Es geht um die Beziehung zu Milan. Ihr Interesse ist groß und es folgen viele Fragen. Sie hinterfragt seine Person und die Art, wie er mit ihr umspringt. Dalika erkundigt sich ohne Hemmungen nach Skylas Gefühlswelt und bohrt immer tiefer. Selbst dann, wenn es dem Medium etwas unangenehm wird. Wenig später lernt sie den Grund dafür kennen, denn Dalika verabscheut Männer, die einer Frau Unrecht tun. Es ist ihre Ambition einzugreifen und in Aktion zu treten, wenn das weibliche Geschlecht respektlos behandelt wird. Es ist ein Ding des Unmöglichen in solchen Fällen wegzusehen und bereuen tut sie nichts. Selbst, wenn ihre Wut überhandnimmt und das Ganze blutig endet. Beunruhigend. Zumal sich kurz darauf Kai weigert, von seiner Vergangenheit zu erzählen. Der Dämonenbär scheint sich plötzlich unwohl zu fühlen und seine Flirtversuche enden allmählich abrupt. Dalikas schweigsames Verhalten erinnert Skyla an ihren besten Freund, sicherlich ist sie genauso scharfsinnig wie er und hat bereits eine Vorahnung. Und doch belässt Dalika es dabei.



Der Abschied kündigt sich an, so hofft Skyla. Noch immer weiß das Medium nicht, wie sich der Geist entscheiden wird. Milan dreht sicherlich durch vor Sorge und doch arbeitet sich Skyla mit Fingerspitzengefühl und Achtsamkeit heran. Dalikas Launen schwanken immer verdächtig und je nach Antwort verändert sich die Stimmung schnell. Skyla traut sich kaum, zu fragen, wann sie die Rückkehr in Anspruch nehmen. Durch die Dunkelheit möchte Skyla eigentlich ungern wandern, zumal sie noch von anderen paranormalen Wesen umgeben sind. Die Augen aus der Ferne wirken immer hungriger. Zwischendurch knacken noch immer Zweige – Skyla hofft, dass es sich um Zweige handelt. Ab und zu unterbrechen markerschütternde Schreie ihre Gespräche und lassen das Medium erschaudern.

Umso dankbarer ist Skyla, als sich Dalika von allein erhebt. Wie viel Zeit verstrichen sein mag, kann Skyla unmöglich beurteilen. Das Flammen des Lagerfeuers erreichen das Ende des Liedes. Ihr Tanz wurde ruhiger. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird die Feuerstelle ersticken. Und doch ist die Nacht noch nicht vorbei.
Als könne Kai ihre Gedanken lesen, informiert er sie: „Wir befinden uns nicht in der Menschenwelt.“
Skyla schluchzt laut und ärgert sich: „Och nö! Die Geisterwelt!“
Ihre Reaktion scheint die beiden spirituellen Wesen köstlich zu amüsieren.
„Wohl gemerkt, meine Schönheit, scheint Euch diese Welt immer willkommen zu heißen. Die Bewohner mögen euch.“
„Klar! Sie sehen mich an und denken sich: Hey Frischfleisch.“
Kaum spricht Skyla zu Ende, beginnen Kai und Dalika bösartig zu lachen. Ihre wahre Natur zeigt sich in Momenten wie diesen am besten. Sie können es nicht leugnen. Keiner von ihnen.
Der Nang Tani tritt näher an Skyla heran und fast hätte das Medium aus Sorge einen Schritt rückwärts gemacht. Schließlich blicken die spitzen Zähne eines Raubtiers zwischen den blutroten Lippen hervor. Dalika greift erneut nach der Blüte in ihrem Haar und nimmt diese sachte in ihre Hände. Ihr wertvollster Schatz scheint darauf zu reagieren und die Moleküle verändern sich. Die wunderschöne Blume beginnt zu leuchten und wirkt plötzlich von einer glänzenden Wachsschicht ummantelt zu sein.
„Hier. Nimm sie und erinnere dich immer an unsere Begegnung. Solange dein Herz schlägt, wird sie für dich duften und prachtvoll blühen. Ich kann noch nicht von hier fort, noch nicht. Gebe mir Zeit, um Vorbereitungen zu treffen. Aber in der Zukunft werde ich dich aufsuchen und in deiner Welt verweilen. Lass mich dein Zuhause in eine Oase verwandeln und wenn es so weit ist, dann werden wir prachtvoll feiern. Ich werde den ganzen Abend mit dir tanzen und mit dir auf unser Bündnis anstoßen. Du wirst den leckersten Nektar weit und breit kosten.“




Es klingt nicht nach einer Bitte, sondern nach einem Beschluss. Drohend wie eine Klinge starren sie die Augen des Baumgeistes an. Ablehnung könnte Skyla das Leben kosten. Ein wahres Dilemma.

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