Kapitel 44

Erschlagen von dem Wandel der Situation und dem im Raum stehenden Angebot starrt Skyla die Geisterfrau ratlos an. Gerade jetzt wünscht sie sich eine zweite Meinung. Es muss nicht mal Milan sein, selbst Justin wäre ich Recht.
„Ähm.“ Ihr Zögern ruft ein bedrohliches Glimmen in den Augen des Nang Tanis hervor. Unheimlich und düster. Eine Reaktion, die Skyla kurz schlucken lässt. „Gibst du mir Zeit, um dieses Angebot zu überdenken?“
Ein zorniges Zittern kündigt den Wutausbruch an.
„Nein! Entscheide dich hier und jetzt!“
Dalika spie lauter, als Skyla annahm. Ihre Stimme lässt sämtliche Knochen erzittern und der Anblick, der plötzlich wilden Mähne, die sich wie ein Federgewand aufplustert, lässt den Geist noch unheimlicher wirken.
Unmöglich! Solch eine Entscheidung sollte gut bedacht sein! Aber zögere ich noch länger, dann wird es zum Kampf kommen. Wie entscheide ich mich nur?

Lies das Kleingedruckte heißt es immer, wenn es um Verträge geht. In diesem Fall wünscht sich Skyla einen schriftlich festgelegten Vertrag. Hier bietet sich ihr die Möglichkeit an einen weiteren Schutzgeist zu kommen. Eine wohl bessere Wahl als Kai. Auch wenn ihr der Nang Tani nicht ganz geheuer ist, denn Dalika wirkt geheimnisvoll, als spreche sie nur die halbe Wahrheit aus. Zu Skylas Nachteil, das steht fest! Aber einen Kampf mag Skyla dennoch verhindern, so muss eine List her. Planlos zu verhandeln könne zum Verhängnis werden. Trotz der spürbaren Anspannung nimmt sich Skyla die Zeit, um alles in Ruhe abzuwiegen. Nach der Blüte zu greifen bedeutet sicherlich der Vertragsschluss. Etwas, was zuletzt folgen sollte.

Entschlossen blickt Skyla auf. „Ich möchte Bedingungen anknüpfen und vorher einige Frage ehrlich beantwortet bekommen.“
Dalika reckt das Kinn. „Stelle deine Fragen.“
Ihr Ton ist schroff und noch ist die Geisterfrau nicht gewillt, ihren Zorn zu mäßigen.
„Was forderst du für deine Hilfe?“
Der Nang Tani blickt von ihr zu Kai. „Was hast du gefordert, Dämon?“
Der Bär lächelt beschämt und traut sich kaum, zu antworten: „Meine Freiheit.“
„Wie darf ich das verstehen?“
„Ich war in den Fängen der Geisterjäger und die hätten mich alternativ an eine Hexe verkauft.“
Enttäuscht schüttelt Dalika ihren Kopf und antwortet: „Ich will dein Blut, Skyla.“



Skyla blinzelt einige Male auffällig mit den Wimpern und glaubt, sich verhört zu haben. „Mein was?“
„Dein Blut. Einmal im Monat lässt du mich davon kosten. Es wird dir nicht schaden.“
„Ahha.“
Skyla muss sich kurz einmal umdrehen und den Geist den Rücken zu kehren, weil sie ein unangenehmes Frösteln überfällt. Schlimmer als ein Kältezug. Die Vorstellung, ein Geist knabbert wie ein Vampir an ihr, widerstrebt ihr.
„Wozu soll das gut sein?“
„Mit dem Verzehr eures Blutes fühlen wir eure Emotionen und erleben einen Zustand der Ektase.“
„Also einen Kick.“
Ein flüchtiges Nicken seitens des Geistes. „Ich nehme auch nicht viel.“
„Wie viel?“
„Wenige Schlücke.“
„Geht es auch genauer?“
„Sagen wir fünf Schlücke.“
Skyla schüttelt sich und beginnt zu verhandeln: „Zwei!“
„Vier.“
„Drei und das ist mein letztes Angebot.“
„Einverstanden.“
Ich bin gerade dabei, einem Geist zu erlauben, von meinem Blut zu trinken – ich muss verrückt sein!

„Deine nächste Frage“, fordert Dalika trocken.
„Was sind deine Fähigkeiten?“
„Du meinst abgesehen davon, wofür ein Geist bekannt ist?“
Skyla denkt kurz nach. „Wofür ist ein Geist denn so bekannt?“
„Verschwinden und plötzlich aufzutauchen.“ Noch während der Nang Tani spricht, löst sie sich in Rauch auf, um wenig später vor ihr zu stehen und dabei Blickkontakt einzufordern, indem sie bestimmend Skylas Kinn hebt. „Sagt dir der Begriff Tunneleffekt etwas, Skyla?“
Das Medium knirscht mit den Zähnen. „Nein.“
Sie möchte nach Dalika greifen, diese weicht jedoch zurück. „Du hast deine Gefühle nicht im Griff und kannst mir gefährlich werden. Du bist mit einer Gabe geboren. Etwas ist an dir, was an jeder von uns fürchtet und gleichzeitig interessant findet. Du leuchtest. Die Frage ist nur, bringst du Verderben oder Erlösung.“
„Ich tue was?“
„Du leuchtest“, wiederholt Kai den Nang Tani.
Skyla blickt verdattert an sich herunter und schüttelt ihren Kopf. „Ich sehe aber nichts.“
„Könnten Menschen dich so sehen, wie wir dich sehen, dann würden sie anders auf dich reagieren“, versichert Dalika ihr mit einem amüsierten Ton.

Skyla muss sich konzentrieren und nimmt ein wenig Abstand von dem betörenden Duft der Blume, die ihre Sinne vernebelt und sie daran hindert, klar zu denken.




„Du hast von einem Effekt gesprochen.“
„Dem Tunneleffekt. Hindernisse werden mich nicht aufhalten, ich fliege durch diese hindurch.“
Das ist einleuchtend. Und doch muss Dalika ihr den Punkt demonstrieren, indem sie plötzlich ihre Hand in Skylas Brust steckt. Sofort spannt sich die Muskulatur des Mediums an. Vor Schreck steht Skyla da und traut sich kaum, zu atmen.
„Wenn ich nur möchte“ Dalika rückt näher an sie heran. „dann kann ich mich manifestieren und dich töten.“
Die Schweißperlen treten aus Skylas Stirn und schuld daran ist nicht die Hitze, die selbst am Abend noch schwer in der Luft liegt. „Mhm“
Der Nang Tani scheint zu erkennen, dass Kai in Aktion treten möchte, um sich an seinen Vertrag zu halten. Denn der Bär erhebt sich brummig und baut sich bedrohlich auf. Doch mit einem Schritt entfernt sich der Geist von Skyla und somit auch die Hand aus dem Brustkorb.

„Meine Bedingung“, beginnt Skyla mit einem mulmigen Gefühl und einen Verdacht, gleich in Ohnmacht zu fallen, wenn dieses Gespräch so weitergeht. „Meine Bedingung ist, dass du mir auf keiner Weise schaden darfst. Du wirst mein Schutzgeist und hast alles zu tolerieren, was ich mache und tue.“
„Einspruch!“, hebt Dalika ihre Stimme an. „Ich willige nur ein, wenn es nicht darum geht, mich zu verraten. Ich fordere diese Klausel als Sicherheit für uns beide.“
Kai schlägt sich verärgert in die Pfote, als bereue er es, auf so etwas nicht von selbst gekommen zu sein.
Skyla nickt zustimmend. „Eine vernünftige Entscheidung. Ich erkläre mich in diesem Punkt einverstanden.“
„Gut.“

„Aber was sind deine speziellen Fähigkeiten?“, möchte Skyla sie verstehen, „wie kannst du mir helfen?“
„Du wirst durch mich nie Hunger leiden. Ich beschenke dich mit einer guten Ernte. Steckst du in Gefahr, werde ich dir im Kampf zur Seite stehen. Wo ich hause, wird der Boden fruchtbar sein und die Natur in ihrer vollen Pracht erblühen.“
„Theoretisch müsste ich dich in den Garten von Milan und Justin schicken“, grübelt Skyla laut.
Kai nickt zustimmend.
„Hast du noch weitere Fragen oder Bedingungen?“
„Wie lange wirst du mir dienen?“
„Bis dein Herz aufhört zu schlagen. Wenn du dich für mich entscheidest, dann für immer.“




„Was ist mit einer Probezeit?“
Da Dalika den Kopf schief legt, erklärt der Dämon ihr: „Eine Zeit, wo ihr den Vertrag jederzeit kündigen könnt, sollte es zwischen euch nicht harmonieren.“
„Ah. Gibt es bei mir nicht. Für mich steht die Sache fest.“
Schön für dich. Ich bin mir da noch nicht ganz so sicher.
„Wichtig wäre es, dass mein Umfeld dich nicht sieht. Ich möchte unentdeckt bleiben“, fällt Skyla schlagartig ein.
„Sei unbesorgt. Niemand wird wissen, dass ich da bin, wenn du es nicht möchtest.“
Wenigstens etwas Beruhigendes.

Dalika hat genug von dem Gerede und stellt sie nun vor die Wahl: „Ich fordere eine Entscheidung. Auf der Stelle.“
„Aber vielleicht wird Kai eifersüchtig, wenn ich mich für einen weiteren Schutzgeist entscheide“, spielt Skyla mit allen Karten und blickt hilfesuchend zu dem kleinen Dämon.
Kai federt sich vom Boden ab und landet durch einen gewaltigen Sprung auf ihrer Schulter. Alles, um sich ihrem Ohr zu nähern.
„Lehnt Ihr jetzt ab, kommt es zum Kampf.“
„Könntest du dir in Zukunft vorstellen, mit ihr zusammenzuarbeiten?“
„Naja. Ich glaube, es wäre besser so. Ich hoffe nur, sie entschlüsselt meine Vergangenheit nicht.“
Skyla betrachtet den Bären angewidert. „Muss ich mir Sorgen machen?“
„Besser Ihr fragt nicht.“
Mhm, ist wohl besser.

„Also gut, ich willige ein“, bringt Skyla schweren Herzens über die Lippen.
Darauf tritt der Nang Tani näher an sie heran und an der Blüte wachsen Ranken hoch, die ein Kettenband bilden. Das neue Schmuckstück wird Skyla persönlich von der Geisterfrau um den Hals gelegt, um kurz darauf einen Kuss auf die Stirn gedrückt zu bekommen. Ganz sanft wie die Liebe einer Mutter. Dalika rahmt mit ihren Händen Skylas Gesicht ein und blickt ihr tief in die Augen, während die Windstärke zunimmt. Die Luft zirkuliert um die beiden herum und wirbelt mehr von den bezaubernden Blüten auf, die in einem Strudel hinaufgetragen werden, um einige Augenblicke später hinabregen und den Boden damit schmücken.

Mit dem Blütenregen verändert sich die Umgebung aufs Neue und so kehrt Skyla zurück an jenen Ort, wo sie von Milan und Mia getrennt wurde.
Dalika legt ihre Hand nun auf die Stelle von Skylas Herzens und erinnert sie freudig daran: „Ich werde dich in naher Zukunft aufsuchen. Das ist ein Versprechen.“




Kurz darauf verpufft der Nang Tani vor ihren Augen und die Illusion eines Traumes lässt einen Lichtblick in Skyla keimen. Die Kette und der vertraute Duft um ihren Hals mähen diese Hoffnung leider zu Nichte.
„Wir hatten Glück!“, hört sie jemanden schnaufen.
Skyla dreht sich zur Seite und blickt Milan in die Augen. Nur kurz, schließlich sehnt sie sich nach einer Umarmung. So fällt sie dem Geisterjäger zitternd an den Hals und braucht einen Moment Kuschelzeit, um diese Begegnung zu verdauen. Was für ein Segen, dass sich Milan ihr öffnet und die Arme um sie legt. Wenn auch zögerlich. Sicherlich, weil ihr Verhalten im Vergleich zu sonst sehr untypisch auffällt.
Mia muss die Harmonie jedoch zerstören. „Von wegen Glück, Milan! Siehst du die Kette an ihr?“
„Was?“ Ihr Partner packt Skyla an den Schultern und entdeckt die Blüte, woraufhin er schockiert aufsieht. „Oh, was hast du getan?“
„Einen Pakt geschlossen“, schnieft Skyla erschöpft.
„Bist du des Wahnsinns? Und wann soll das geschehen sein?“
„Naja, gerade eben! Mir blieb kaum eine Wahl. Andernfalls wäre es zum Kampf gegen Dalika gekommen.“
Er betrachtet sie sichtlich besorgt. „Ist das ihr Name?“
„Ja.“

„Beunruhigend. Sie muss dich in Geisterwelt verschleppt haben, wo Raum und Zeit eine andere Bedeutung haben. Denn du warst nur für wenige Sekunden verschwunden. Fühlte sich bei ihr sicherlich länger an.“
„Für Sekunden?“, wiederholt Skyla fassungslos. „Ich habe geglaubt, die ganze Nacht bei ihr verbracht zu haben.“
„Ja, die Geisterwelt ist ein wahrhaft mystischer Ort.“ Milan betrachtet sie nachdenklich. „Seit wann kannst du eigentlich so gut thailändisch?“
„Kann ich nicht. Ich dachte, sie spricht deutsch.“
Hilfesuchend blickt er zu der kleinen Fee auf, die ihre Vermutung daraufhin laut ausspricht: „Entweder hatte der Geist die Finger im Spiel oder ein Medium ist in Wahrheit ein Sprachgenie.“
Milans Hilflosigkeit ist nicht zu übersehen. Daher wundert es Skyla nicht, dass er den Vorschlag unterbreitet: „Wir sollten zu Justin.“
Dieser Geisterjäger, so süß er auch sein mag, verlässt sich einfach zu sehr auf seinen Partner. In Momenten wie diesen tut Justin ihr sogar leid. Das Grundwissen aufzustocken wäre nur zu Milans Vorteil.



So schön das heutige Fest auch war, wirbelt die Begegnung mit dem Nang Tani viele Fragen auf. Es kam zu einem erzwungenen Pakt, was bedeutet, dass sich Skyla besser vorbereiten sollte. Sie möchte wissen, worauf sie sich wirklich eingelassen hat, und auch wenn Milan ihr keine große Hilfe sein wird, interessiert sie Justins Meinung brennend zu dem neuen Schutzgeist. Neben dem Wunsch nach Informationsbeschaffung, klingt das Adrenalin langsam ab. Die Erschöpfung schiebt sich in den Vordergrund. Die Verhandlungen mit dem thailändischen Geist haben ihr mehr Nerven gekostet, wie erhofft. Nach dieser Erfahrung möchte Skyla einfach nur fort. Raus aus dem Land, wo die meisten Spukgestalten ihr Unwesen treiben. Bei ihrer starken Anziehungskraft für Probleme ist die nächste Konfrontation sicherlich vorprogrammiert. Entschlossen blickt Skyla dem Geisterjäger in die Augen und stimmt mit einem Nicken seinem Vorschlag zu. Auf nach Justin. In der Hoffnung, am Ende des Tages schlauer zu sein und die Unsicherheit bezüglich des neuen Vertrages ablegen zu können.

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