Kapitel 50

Wie eine Naturgewalt rollt das Unglück über Skyla. Erbarmungslos und unbegreiflich. Es muss eine Entscheidung her. Eine Aufgabe, die unmöglich auf Anhieb bewältigt werden kann. Ein Entschluss, der den Lauf ihrer Zukunft bestimmt. Dunkle Wolken ziehen herbei und vertreiben sämtliches Sonnenlicht. Die Welt war vor einigen Stunden heil. Zwar eingeschränkter, als vor den ersten Anzeichen ihrer Gabe, und komplizierter durch ihre etwas andere Perspektive des Universums, dennoch lösbar. Nun aber liegt die Pistole auf ihrer Brust. Die Unterstützung, die sie auf die paranormalen Gefahren vorbereiten kann, fängt Feuer und zurückbleibt ein Häufchen Asche, wenn sie nicht bereit ist, Opfer zu bringen. All die schönen Momente, die Skyla in kürzester Zeit mit dem Geisterjäger erlebt hat, werden enden und zurück bleiben schmerzhafte Erinnerungen an die verlorene Liebe.

Skylas Herz macht einen kurzen Aussetzer, als sich jemand an ihren Arm hängt. Emilies Lockenkopf schiebt sich in ihr Bild. Ihre Freundin betrachtet sie warnend und mit aufgeblasenen Wangen. Skyla blinzelt mehrere Male, weil sie nicht glauben kann, wer sich plötzlich bei ihr befindet. Selbst wenn von Emilie die Rede ist, die Spionin schlecht hin mit all ihren Kontakten und einem unfassbar großen Suchradius, und doch wäre dies zu viel des Zufalls.
„Emilie?“
Skyla erschaudert, denn von Milan und Justin fehlt plötzlich jede Spur. Allein zurückgelassen vor dem grässlichen Unterschlupf der Geisterjäger. Panik steigt in Skyla auf, denn Justins Auto ist fort. Dabei hat Skyla gar nicht mitbekommen, dass sich irgendeiner von ihnen entfernte.
„Nein! Milan? JUSTIN!“
Ihr verzweifelter Ruf wird vom Wind fortgetragen. Dabei hat Skyla noch keine Entscheidung getroffen. Viel schlimmer ist die Tatsache, dass es zu keinen richtigen Abschied kam.

„Oh nein! Du bleibst hier, Skyla! Bei mir! Schon vergessen, wir wollten bis zum bitteren Ende die Ausbildung gemeinsam durchhalten! Ich brauche dich! Ohne dich schaffe ich das nicht!“
Ihre Klassenkameradin löst sich, um im nächsten Augenblick nach ihren Schultern zu greifen und Skyla ordentlich durchzurütteln.
„Wer lauscht dann meinem Gesang? Und wer kocht dann gemeinsam mit mir! Außerdem scheitere ich allein am Lernstoff!“




Emilies wundervolle Stimme. Wie gern Skyla doch ihren fröhlichen Liedern hingibt. Der Lockenkopf schmeißt sich im nächsten Moment an sie. Eine feste Umarmung ohne Entkommen. So viel Kraft hat Skyla ihrer Freundin nie zugetraut. Schmerzhaft feste. Der Brustkorb ist blockiert und das Atmen fällt schwerer. Es sind Emilies warme Tränen, die sie zu spüren bekommt, da ihre Freundin ihr Gesicht an Skylas Kopf drückt.
„Ich brauche dich doch, Skyla.“
Am Ende zittert ihre Stimme und ist von einer tiefen Traurigkeit erfüllt.

Emilie muss das Gespräch mitbekommen haben, womit sie aber nur halb im Bilde sei. Aber wo sind Milan und Justin? Bin ich weggetreten?
Skylas Augen weiten sich, als ihr Ausbilder David entschlossen vorbeischreitet und wenige Schritte neben ihnen stehen bleibt.
Was zur Hölle passiert hier? Das ist doch nicht echt!
Davids Rückenmuskulatur wirkt angespannt. Er schüttelt ungläubig den Kopf. Ein Verhalten, das Skyla nicht fremd ist. David scheint gekränkt und spricht zum Glück über seinen Frust.
„Nein, nein und nein! Meine Küchenfee geht mir nirgendshin. Ich brauche dich in unserem Team. Also drücke die Schulbank und komm mit der bestandenen Prüfung in den Betrieb. Du kannst mich doch nicht mit unseren zwei Chaoten allein lassen. Dann beiße ich früher ins Grab, als es mir lieb ist. Du gehörst doch schon zur Familie des Kräutergartens. Ich habe so viel Zeit und Hoffnung in dich gesteckt, da kannst du mir doch nicht sagen, dass du einfach das Handtuch schmeißen wirst.“
Er klingt, als dulde er keine Widerworte. Und zu Skylas Pech liegt sie zu viel Wert auf seine Meinung. David ist wie ein Idol. Ihn zu enttäuschen wäre die bitterste Pille.

Aufgrund der zusätzlichen Verstärkung verbindet Emilie Skylas Hand mit ihrer. Ihre Augen glühen vor Wahn.
„Sie wird auch nicht gehen! Dazu ist Skyla zu pflichtbewusst!“
Plötzlich liegt eine weitere Hand auf Skylas Schulter und sie wird ruckartig zur Seite gedreht, woraufhin sie Lukas‘ vorwurfsvollen Blick erntet. Das wäre für einen Zufall zu viel. Daher befürchtet Skyla zu halluzinieren.
„Du willst gehen? Also lässt du meinen Vater und mich im Stich? Unser Herz wurde bereits von einer Frau gebrochen! Wenn du gehst, bist du keinen Deut besser wie meine Mutter! Außerdem, was würdest du deinen Eltern damit antun? Kacie und Finn werden krank vor Sorge um dich sein. Alle werden nach dir fragen und somit weiter auf die frische Wunde einstechen. Du bist ihre einzige Tochter und sie blicken mit Stolz zu dir auf. Bringe keine Schande über deine Eltern. Außerdem was ist mit deinem Versprechen? Wir haben uns geschworen, für immer füreinander dazu sein. Egal, was kommt. Wir passen gemeinsam auf uns auf! Denn wir sind eine Familie, wenn auch nicht blutsverwandt!“




Damit beschwört ihre Halluzination den Moment des Versprechens herauf. An einem dunklen Regentag, als Lukas von dem Ehekrach seiner Eltern erfuhr und zusammengekauert auf dem Boden in seinem Zimmer saß. Skyla schwor sich, ihr Wort nie zu brechen. Sie wusste, Lukas braucht sie dringender denn je. Sollte seine Mutter das Familienglück nicht wahren, dann würde sie zu Lukas‘ Familie werden. Kaum ausgesprochen, versiegten seine Tränen und seine leeren Augen fühlten sich mit Leben.

Es fällt Skyla schwer, all dem zu widersprechen, was ihre Halluzinationen ihr an den Kopf werfen. Es sind die vorwurfsvollen Blicke, die sich wie Pfeile in ihr Herz bohren und sie lähmen.
„Rege dich nicht auf, mein Sohn. Meine Patentochter verlässt uns nicht. Dafür hat sie uns zu lieb.“
Thomas tritt aus dem Schatten heraus und betrachtet sie mit einem Blick, der Skyla das Fürchten lehrt. Ein weiterer Blick voller Wahnsinn. Sein Lächeln macht es nicht besser, sondern verschlimmert seinen furchteinflößenden Eindruck. Es ist ihr Handy, das sich meldet und doch ist Skyla überfordert mit all den Leuten um sie herum. Zu viel Manipulation und zu viele Gründe für Gewissensbisse liegen wie eine bleischwere Decke über ihr.
„Willst du nicht drangehen?“, spricht Mutter Kacie tadelnd auf sie ein, die sich ebenfalls zu der Gruppe gesellt.
Sie muss träumen – ein Alptraum. Anders kann es nicht sein! Mit jeder verstrichenen Minute verdüstert sich die Umgebung. All die geliebten Menschen, um Skyla, werden größtenteils von der Dunkelheit verschlungen. Nur die Augen jedes einzelnen leuchten bedrohlich und verursachen eine schreckliche Gänsehaut.
„Warte, Mutter. Sie ist hier bei mir.“ Mit einem beunruhigenden Lächeln tritt ihr Vater an seine Tochter heran und hält ihr sein Handy hin. „Hey, Skyla. Deine Oma will dich sprechen.“
Skyla schluckt schwer und weigert sich, den Anruf entgegenzunehmen. Sie schüttelt ihren Kopf und kneift verzweifelt ihre Augen zu. Und doch dringt Oma Ulrikes Stimme aus dem Hörer: „Bist du des Wahnsinns? Machst du gerade einen auf Rebell? Ich dachte, von meinen Enkeln bist du die Vernünftigste, Skyla! Hör auf, deinen Eltern solche Schwierigkeiten zu bereiten. Komm zur Vernunft oder ich komme persönlich vorbei und glaube mir, das willst du nicht!“




„Besser du hörst auf deine Oma“, rät ihr Vater leise, als spreche er aus Erfahrung.

Es ist Mutter Kacie, die laut ausatmet und die Fakten offenlegt: „Milan kennst du gerade mal wie lange? Lang genug, um ihn zu vertrauen?“
Ich vertraue ihm blind.
„Weißt du eigentlich, was es heißt, ein Leben auf der Flucht zu führen? Was glaubst du, wie finanziert sich der Kerl? Den Komfort, den du kennst, wirst du so nicht mehr haben. Schlaf wird zu einem Luxusgut, denn du wirst immer auf der Hut sein. Denn dein Vater und ich werden eine Vermisstenanzeige rausgeben. Ich garantiere Probleme mit den Gesetzeshütern und anderen Behörden. Hier bei uns hast du dir etwas aufgebaut. Willst du das alles hinschmeißen und vergessen? Wir sind deine Familie und immer für dich da. Kannst du das von den beiden auch immer behaupten? Nehmen wir mal an, du zerstreitest dich mit Milan, an wen wirst du dich dann wenden können?“

All die Blicke, die auf ihr ruhen, gefüllt voller Erwartungen, denen Skyla nicht gerecht werden kann. Aus der Ferne tönen quietschende Reifen und es knallt. Sirenen heulen und ein Krankenwagen rauscht mit voller Geschwindigkeit an ihnen vorbei. In diesem Moment zerrt eine Windböe an ihrer Kleidung und bringt ihre Haarsträhnen zum Tanzen. Skyla blickt dem Rettungsdienst noch kurz hinterher, als plötzlich eine riesige Plakatwand vor ihr wegbricht. Und somit ein Teil der Kulisse, als würde sie sich auf einer Theaterbühne befinden. Die bis vor kurzem realistische Umgebung wirkt immer mehr wie eine Attrappe. Ein billiger Fotodruck der Straße.

Hektik bricht um Skyla aus, woraufhin sie sich zum Zweck der Orientierung einmal um die eigene Achse dreht. Es erheben sich von allen Seiten klinisch weiße Wände. Breite Flure voller Türen verleihen dem Gebäude an Größe. Beschilderungen halten Skyla vor Augen, dass sie umgeben von acht Operationssälen ist. An ihr hallen Rufe vorbei, schließen füllt sich der Ort mit dem Krankenhauspersonal.
„Gut, dass Sie hier sind. Ein Lichtblick! Aber es bedarf eine schnelle Entscheidung. Wenn Sie Ihr altes Leben retten wollen, dann müssen wir jetzt zu äußersten Maßnahmen greifen. Sollte es funktionieren, dann besteht Hoffnung. Ein Leben mit einem Handicap – aber möglich.“




Skyla weicht erschrocken zurück, als sie feststellt, dass die Worte an sie gerichtet wurden. Von einem losgelösten Teammitglied eines Ärzteteams. Der ernste Ausdruck in dem Gesicht der jungen Dame lässt Skyla schlucken.
„Das ist kein Leben. Sieh es ein, dein altes Leben ist kaputt und liegt in Scherben auf dem Boden. Besser du gibst es auf. Du kannst den Spiegel zusammenkleben, aber nichts wird wie vorher sein.“
Skyla macht Justin wenige Meter von ihr entfernt, der ihr mit seinen verschränkten Armen und seinem kritischen Blick mehr als genug verdeutlich, was er davon hält.
„Die Chancen stehen gut …“, widerspricht die Ärztin ihm.
„Schwachsinn! Ihr altes Leben ist kaputt!“

Skyla atmet erleichtert aus. Es spielt keine Rolle, woher Justin auch plötzlich kommen mag. Fakt ist, dass sein Auftreten ihr etwas Halt in dieser verrückten Welt gibt.
„Justin, ihr seid noch da? Ich hatte für einen Moment Sorge…“
Er schnippt vor ihren Augen und betrachtet sie vorwurfsvoll. „Hey, konzentriere dich, Skyla. Deine Entscheidung in drei, zwei …“
Kaum wird das Medium unter Druck gesetzt, entsteht eine Sperre in ihrem Kopf. Etwas, was sie daran hindert, klar zu denken.
„Es mag schwer sein, aber lass einfach los. Glaube mir. Du wirst dich mit der Zeit besser fühlen. In unserem Team heißen wir dich mit Freuden willkommen. Außerdem wollten wir die Welt doch bereisen. Schon vergessen?“
Milan schließt Skyla von hinten in seine Arme und drückt sie sanft an sich. Ein wundervoller Moment der Geborgenheit, nach dem sie sich sehnte. Ein Streich ihres Verstandes.

Wenn es darum geht, wundervolle Augenblicke mit grausamen Fakten zu zerstören, dann überbietet niemand Justin.
Während der Griesgram die Brille zurechtrückt, konfrontiert er Skyla mit einem Szenario, das Skyla bewusst verdrängt. „Meines Wissens hat dich Milan aufgeklärt, was uns Geisterjägern blüht. Und doch halte ich es dir noch einmal vor Augen. Zum Mitschreiben, Skyla. Denn unsere Feinde verdienen sich an uns eine goldene Nase mit dem Organhandel auf dem Schwarzmarkt. Diese Leute verstehen keinen Spaß und sind bestens vorbereitet. Das kleine Mädchen war wie du ein Medium und wurde totgeprügelt. Damit solltest du begreifen, was dir bei einer möglichen Konfrontation blüht. Bist du dennoch bereit, dich dieser Gefahr entgegen zu stellen?“




Sie schluckt den dicken Kloß im Hals hinunter und verwischt jedes Bild ihrer Vorstellungskraft aus Angst vor genau solch einer Zukunft. Etwas, das nicht zwingend in Kraft treten muss, wenn Skyla sich verdeckt hält und einen Gang hinunterschaltet.

Es ist Milans Griff, der fester wird.
„Justin und ich können dies verhindern, wenn du mit uns kommst. Ich bitte dich, Skyla. Denn ich habe schon einmal versagt. Aber diesmal soll alles anders sein. Es darf sich nicht wiederholen.“
Die Verlockung ist groß. Vor allem nach der Sache mit Lukas und ihren Eltern. Niemand in ihrem Umfeld wird ihr glauben und wissen, mit welchen Hürden sie sich rumschlägt. Niemand wird verstehen, wie sie sich wirklich fühlt. Sie müsste nur einen hohen Preis für diese Entscheidung zahlen. Ihr altes Leben. Der bittere Kontaktabbruch zu all den geliebten Menschen. Eine Reihe Versprechen, die gebrochen werden. Hass und Verachtung würde sie säen. Weil niemand ihre Entscheidung verstehen könne. Alles nur, weil sie von der anderen Seite verschont bleiben und blind durch die Welt laufen. Blind und glücklich. Erneut fühlt Skyla Neid gegenüber Unwissende und ihrer alter Version, die von dem Fluch ihrer Gabe verschont blieb. Noch nie in ihrem Leben tat sie sich so schwer mit einer Entscheidung. Dabei liegt die Antwort auf der Hand und doch weigert sich ihr Herz…

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