Kapitel 51
Es meldet sich das Pflichtbewusstsein. In ihrer Heimat baute sich Skyla etwas auf. Einen Job, der ihr Freude bereitet. Arbeitskollegen, die sie schätzen – die meisten zumindest. Im Küchenteam herrscht überwiegend Harmonie und in stressigen Situationen ziehen alle an einem Strang. So wie sich die zwei Geisterjäger einen Weg zu ihrem Herz gebahnt haben, tat es auch Emilie. Die beiden Freundinnen haben viele Höhen und Tiefen gemeistert und große Träume, die sie gemeinsam verfolgen.
Was wird nur aus ihren Eltern, wenn Skyla nicht mehr da ist und die beiden nicht mehr länger bekocht?
Oma Ulrike würde sich vielleicht zuerst freuen, dass sie öfter nach ihr sehen und ihre Hausmannskost genießen. Aber ihrem Alter entsprechend wird sie dem schnell ein Ende setzen und wenn sie erst einmal erfährt, dass einer ihrer Enkelinnen verschwunden ist, wird aus der alten Dame ein Polizeihund auf Spurensuche.
Außerdem steht das Weihnachtsfest vor der Tür. Ihr Verschwinden wird die Stimmung kippen und für eine bedrückende Atmosphäre sorgen. Hinzu kommt, dass sich Skyla einfach nicht vorstellen kann, von Ort zu Ort zu springen. Justin verspricht zwar, er könne ihr eine neue Stelle als Köchin organisieren, doch sie mag stark bezweifeln, dass irgendein Laden an das familiäre Miteinander nah an ihren aktuellen Betrieb reicht. Ständig von einem neuen Arbeitsplatz zum Nächsten zu springen mag zwar eine schöne Chance sein, viele kulinarische Richtungen kennenzulernen, und doch klingt es nach Stress. Neue Einarbeitungszeit und fremde Arbeitskollegen.
Es besteht Hoffnung, dass alles gut wird. Hoffnung, für unbemerkt zu bleiben und nicht wie das kleine Medium zu enden. So unschön es auch sein mag, steht Skylas Entscheidung. Keine Leichte. Vor allem nicht für ihr Herz, das mehr für Milan schlägt. Und doch gibt es keine Garantie, dass diese wundervollen Gefühle zu ihm ewig halten. Noch sind die beiden frischverliebt und führen ein Leben so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Von Justin wird sie kein Verständnis für ihre Lage erwarten können. Ähnlich wie mit Mia. Und Milan orientiert sich nach seinem Kollegen. Von ihm kann sie zwar mehr Einfühlungsvermögen erwarten, aber wenn es darum geht, seine Meinung Justin gegenüber kundzutun, wird der süße Geisterjäger einknicken. Kummer und Frust wären vorprogrammiert. Das hat die viel zu kurze Ausbildung zur Geisterjagd bereits gezeigt. Es ist das normale Leben, das sich das Medium wünscht. Es ist machbar – wenn auch eingeschränkt. So winzig die Hoffnung auch sein mag, so wird Skyla immer wieder aufstehen.
Es ist ein Fingerschnippen, das Skyla aus ihrem Tagtraum reißt. Das Sonnenlicht scheint von oben herab und durchbricht die Fassade. Ihr Gesicht eingerahmt wie ein Foto von zwei warmen Händen. Eine Fahrradklingel wird ganz in ihrer Nähe betätigt und ein Gruß von einem jungen Mann an eine fremde Dame erreicht Skylas Ohr. Die friedvolle Atmosphäre kehrt zurück. Solange sich Skyla nicht umdreht und den Unterschlupf der beiden Geisterjäger betrachtet.
Vorwurfsvoll spricht Justin zu ihr: „Verstehst du eigentlich unsere Lage, Skyla? Fürs Tagträumen fehlt die Zeit.“
„Naja“, beginnt Milan nachdenklich. „Vielleicht hat sie Kontakt zu einem paranormalen Bewohner.“
„Ja, er nennt sich mein verfluchter Kopf!“
Skyla schnappt sich seine Hände und nimmt diese von ihrem Gesicht. Was nicht bedeutet, dass sie diese loslässt. Denn seine Wärme und Nähe gibt ihr in einem Moment wie diesen mentalen Halt.
„Eine verrückte Welt. Ich glaube, ich verliere den Verstand.“
„Das Gefühl kenne ich.“ Milan lächelt wissend. „Der Kontakt zur Geisterwelt geht nicht spurlos an uns vorbei und stecken wir einmal in dieser fest, können wir nicht mehr auf die physikalischen Gesetze vertrauen.“
Ein Augenrollen und der erste Schritt Richtung Haus, als Justin sich um entscheidet und mies gelaunt brummt. „Das meint sie doch gar nicht!“
Sein Mitbewohner kratzt sich verlegen am Hinterkopf. „Ach ja? Was dann?“
Justin schenkt ihm keine Beachtung und betrachtet Skyla skeptisch. „In einem Punkt hat mein Mitbewohner Recht. Es verbleiben Spuren. Hinzu kommt die Tatsache, dass du zwei dunkle Schutzgeister hast. Ein Band, das nicht unterschätzt werden sollte. Auch deine Fähigkeiten können ihr Eigenleben führen und dich in das Zentrum des Strudels reißen. Ich bin kein Experte, wenn es um ein Medium geht und doch warst du gerade nicht ansprechbar. Was hast du gesehen?“
Skyla belächelt seine Sorge und winkt ab. „Ich denke, wir machen uns unnötig Sorgen. Klar, das war gerade sehr abgedreht, aber es ging sich nur darum, die Situation auf eine ganz andere Art und Weise abzuschätzen.“
Justin trifft den Nagel auf dem Kopf. „Milan hat deine Entscheidung ins Wanken gebracht.“
Beunruhigt blickt Skyla ihrem Lover in die Augen. Ihr verzweifeltes Ja verzaubert Milan und bringt ihn zum Lächeln.
„Grins nicht so!“, faucht sie ihn daraufhin an.
„Unmöglich! Das ist zu süß.“
Ihm die Zunge rauszustrecken wäre kindisch, obwohl Skyla genau danach wäre. Stattdessen funkelt sie ihn böse an. Etwas, was Justin in den Wahnsinn treibt, schließlich will ein so ungeduldiger Mann wie er keine Wurzeln schlagen.
„Wirst du uns doch begleiten?“
Justins Ungeduld ist unüberhörbar wie ein aufdringlicher Anrufer.
Milans Siegerlächeln spricht Bände und doch wird sie ihn mit ihrer Antwort enttäuschen.
„Ich kann nicht.“
Kaum ist es ausgesprochen klingt es nach einem großen Fehler, aber der Entschluss steht.
Milans Griff wird fester. Er betrachtet sie völlig verzweifelt.
Besorgt versucht er, ihr klar zu machen: „Sollten sie dich finden, tun sie dir schreckliche Dinge an.“
„Ich weiß, aber hier ist mein Zuhause. Hier gehöre ich hin.“
Hoffentlich zeigt Milan Verständnis dafür. Sein Schweigen hingegen macht sie ganz nervös.
So überraschen Skyla folgende Worte: „Dann bleibe ich bei dir!“
Noch ehe sich Skyla freuen kann, nimmt Justin ihn in die Mangel. „Abgelehnt! Du kommst mit mir, Milan! Wenn sie ihr Leben wegwerfen möchte, dann soll sie das doch machen! Aber du kommst mit mir!“
„Ich lasse sie nicht einfach zurück!“
„Doch das wirst du! Denk an dein Versprechen!“, spricht Justin in Rätseln.
Sein Mitbewohner blickt verärgert weg und damit ist die Sache vom Tisch. Justins Machtwort ist gesprochen, daher holt Skyla traurig ihr Schlüsselband hervor. Es bestätigt wieder einmal ihre Sorge. So sehr sie diesen Mann auch liebt, wird Milan sich nie behaupten. Nicht gegenüber Justin. Damit wäre das Verhältnis immer kompliziert. Sie wird keine richtige Beziehung mit Milan führen, denn sie muss ihn mit Justin teilen und immer brav um Erlaubnis fragen. Etwas, was keine Zukunft hat. Anders als diese Stadt und ihre Bewohner.
Enttäuscht nimmt Skyla den Ohrring von ihrem Schlüsselband. Über Milans Andenken an seine Mutter wacht sie wie ein stolzer Herdenhund. Zu viele Fragen schwirren ihr durch den Kopf, als sie das Schmuckstück betrachtet.
Ob seine Eltern noch leben und wissen, was aus ihrem Jungen geworden ist?
Verzweifelt versucht sie, sich daran zu erinnern, ob Milan schon mal über seine Eltern gesprochen hat. Aber es mag ihr nicht einfallen. Dabei gibt es keine Person, deren Vergangenheit sie so reizt, wie die von ihm. Anscheinend wird sich Skyla damit abfinden müssen, nicht mehr über diesen geheimnisvollen Kerl zu erfahren, dem sie ihr Leben verdankt. Denn ohne ihn hätte die Sache mit dem Geist, der sich an Skyla geheftet hat, übel ausgehen können. Noch immer bereitet ihr die Begegnung im Krankenhaus Alpträume, aber nun kann sie dank ihm besser mit der Erfahrung umgehen.
Kaum baumelt Milans Schatz zwischen ihnen, kann der süße Kerl die Tränen nicht länger zurückhalten.
Justin hingegen tritt mit verwirrtem Ausdruck heran. „Du hast ihr den Ohrring gegeben?“
Stirnrunzelnd blickt Skyla zu ihm herüber.
Natürlich weiß Justin, was Sache ist. Vielleicht sollte mich das nicht stören, denn die beiden arbeiten und leben zusammen. Und doch macht es mich eifersüchtig. Justin weiß mehr über Milan, als ich es tue.
Es widert Skyla selbst an, so zu denken und doch sind diese Gefühle da. Nichts, was sich einfach abschalten lässt.
So startet sie einen verzweifelten Versuch mit zu hohen Erwartungen: „Bist du denn jetzt bereit, dich mir zu öffnen? Erfahre ich noch von dir, was es hiermit auf sich hat und wie du zum Geisterjäger wurdest?“
Milan nimmt stumm das Schmuckstück entgegen, schließlich kehrt er Skyla für eine ganze Weile den Rücken. Die Sekunden vergehen quälend langsam und spannen sie auf die Folter. Kein Ton kommt Milan über die Lippen, woraufhin Skyla zu Boden blickt und die aufsteigende Wut hinunterschluckt.
Du bist so ein Idiot! Was habe ich eigentlich erwartet?
Justin hingegen scheint sich an etwas zu erinnern. Er holt die violette Visitenkarte hervor, die er auffällig in Skylas Sichtfeld schiebt. Ein unpassender Moment, denn obwohl Skyla dankbar sein sollte, blickt sie wie ein verärgerter Hund auf. Sie fletscht die Zähne und fühlt sich genervt. Etwas, das ihn nicht beeindruckt.
„Die Hexe Sema kann dir im Notfall helfen. Lass mich dich dennoch warnen, denn sie schlägt aus deiner verzweifelten Situation ordentlich Profit. Haben wir bereits am eigenen Leib erfahren. Ihre Dienste sind unverschämt teuer“, versichert Justin ihr und nun sucht er Skylas Handy in seiner Jackentasche.
Skyla zögert, als er fündig wird.
Möchte ich das Handy überhaupt wiederhaben?
Justin ist jedoch nicht sehr geduldig und drückt er ihr das klebrige Teil in die Hand. Sie verzieht ihr Gesicht vor Ekel, bevor sie es in die Jackentasche verschwinden lässt. Unzählige Male wischt Skyla ihre Hand an ihrer Jacke ab.
Memo an Skyla! Die Jacke später in die Wäsche schmeißen! Ach was! Direkt verbrennen!
Milan atmet auffallend aus und blickt hilfesuchend zu Justin, der bestimmend seinen Kopf schüttelt. Daraufhin folgt ein Nicken von Mias Partner.
„Ich weiß, wir hatten darüber gesprochen. Das Vergangene ist begraben und so sollte es auch bleiben.“
„Gut!“
Justin klingt zufrieden.
Milan schnappt sich Skylas Hände, woraufhin sie darüber nachdenkt, sich loszureißen und sich zu entfernen. Schnell ist der Gedanke verworfen und Milan richtet das Wort an Skyla: „Es spielt keine Rolle, wer ich war. Sondern, wer ich jetzt bin. Ich habe mit der Vergangenheit abgeschlossen und blicke nach vorne. Verzeih mir, Skyla. Das ist sicherlich nicht das, was du hören willst. Aber du hast diesen Entschluss zu akzeptieren. Ich möchte mich nicht mit dir streiten und doch sehe ich den Zorn in dir flammen. Aber was hältst du von dem Vorschlag, dass wir uns im Guten verabschieden? Dieser Moment gehört nur uns und wir allein können bestimmen, wie es endet.“
Seine Worte waschen ihr den Kopf. All die negative Energie zwischen ihnen ist wie fortgespült und daher schlägt Skyla schuldbewusst die Augen nieder.
„Entschuldige, es ist nur…“
Ein Kuss versiegelt ihre Lippen und Milan lächelt keck, als er kurz zu ihr aufblickt. Sekundenspäter darauf treffen sich erneut ihre Lippen, und die Welt, um sie herum, ist vergessen. Skyla vergräbt ihre Hände in seinen Haaren und gibt ihn kaum frei. Solange, bis sich Justin laut räuspert.
Noch ehe sich Skyla von Milan entfernt, packt der Feenbesitzer zu und hindert sie daran, Abstand zu nehmen. Sein Blick gilt jedoch seinem Mitbewohner.
„Justin, du kommst klar oder? Ich verabschiede mich bei Skyla richtig.“
Bevor Justin ihm überhaupt antworten kann, greift Milan nach ihrer Hand und führt sie ins Haus. Oben in seinem Zimmer, wo nur eine Matratze und eine Kiste mit Kleidung liegen, kommt er zum Halt und gibt ihr keine Chance für eine Unterhaltung. So führt er dort fort, wo die beiden zuletzt aufgehört haben. Es ist Skylas letzte Chance, ihn nah an sich zu spüren. Ein Abschied, den sie auskosten möchte und den er so nicht vergessen soll. Ein süßer Moment des Friedens, bevor der Sturm tobt.




























































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